Norwegen

~ Solotour im Rondane Nationalpark – Tag 11 ~


Datum:     Donnerstag, 22.10.2009
Wetter:     2 °C, bedeckt, Nieselregen



Ich stehe am Morgen sehr zeitig auf und packe im Dunklen mein Zelt zusammen. Im Licht der Stirnlampe laufe ich dann von meinem Schlafplatz auf der Insel durch eine kleine Siedlung zurück in Richtung Bahnhof. Eine eigenartige, fast weihnachtliche Stimmung kommt in mir auf, als ich durch den stille und klaren, frostigen Morgen laufe. In manchen der kleinen bunten Holzhäuschen brennt schon Licht und sie strahlen warme und heimelige Gemütlichkeit aus…

Am Bahnhof warte ich noch eine halbe Stunde, bis mein Zug gen Süden pünktlich abfährt. Der Fluss Lågen, an dem entlang sich die Bahn durchs Gudbrandsdalen bewegt hat trotz des inzwischen bedeckten Himmels eine unglaublich türkise Farbe. Je weiter ich so nach Süden gelange, desto herbstlicher ist es noch. Ich genieße diese schöne Zugfahrt – nur schade, dass sie nur so kurz währt…

Gegen halb 3 komme ich dann auch schon in dem kleinen Örtchen Rygge an. Inzwischen hat leichter Nieselregen eingesetzt und so gestaltet sich die Schlafplatzsuche besonders unangenehm. Stundenlang kann ich keinen geeigneten Platz finden, wo ich halbwegs vor den Blicken der Einwohner mein Zelt aufstellen kann. Der Rucksack wird immer schwerer und ich weiß bald nicht mehr, wohin ich noch gehen soll, denn allzu weit kann ich auch nicht aus Rygge hinaus – fährt doch mein Shuttlebus zum Flughafen am nächsten Morgen schon um 06.05 Uhr ab… Als es schon fast zu dämmern beginnt, werde ich endlich in einem kleinen Pappelwäldchen hinter dem Sportplatz fündig. Schnell steht dann auch meine schützende Hülle und ich kann dem Nieselregen, der die ganze Nacht hindurch fällt, in meinem warmen Schlafsack trotzen.

Norwegen

~ Solotour im Rondane Nationalpark – Tag 10 ~


Datum:     Mittwoch, 21.10.2009
Wetter:     0 °C, teilweise bedeckt



Eigentlich könnte ich meinen vorletzten Urlaubstag noch hier, etwas oberhalb von Otta bleiben, da mein Zug nach Oslo zurück erst am Donnerstag fährt, aber ich habe kaum noch Wasser und nichts mehr zu essen. Der letzte Rest Wasser ergibt einen kleinen Kakao – mein karges Frühstück heute Morgen.

Also packe ich mit knurrendem Magen zusammen und laufe die letzten Kilometer nach Otta hinab – schnurstraks in den nächstgelegenen Supermarkt hinein! Hier muss mich beim Anblick all der Leckereien in den Regalen sehr zurückhalten, um nicht den halben Laden leer zu kaufen. Bepackt mit einem großen Beutel frischer Lebensmittel setze ich mich in einen kleinen Park in die Sonne. Der Biss in ein dick mit Räucherlachs belegtes Brötchen ist einfach göttlich!

Am Bahnhof erkundige ich mich dann noch nach der Zugverbindung nach Lillehammer am nächsten Morgen. Der Bahnhof hat sogar einen Nachtwarteraum, aber irgendwie möchte ich dort nicht bleiben, zumal dieser erst um 22 Uhr öffnet. Also mache ich mich auf die Suche nach einem Platz für die Nacht und lande auf einer kleinen Halbinsel mitten im Fluss. Hier auf der Wiese mäht gerade ein Bauer das Gras, der meine Frage, ob ich hier mein Zelt aufschlagen darf, gleich freundlich bejaht. So steht meine kleine Unterkunft bereits am späten Nachmittag und ich habe genügend Muße, den Tag gemütlich mit einem leckeren frischen Abendbrot ausklingen zu lassen…

Norwegen

~ Solotour im Rondane Nationalpark – Tag 9 ~


Datum:     Dienstag, 20.10.2009
Wetter:     0 °C, teilweise bedeckt



Am Morgen kann ich mich lange nicht aufrappeln, da es hier nichts zum Fotografieren gibt. Ich höre also noch mein Hörbuch zu Ende und schäle mich dann doch endlich aus dem warmen Schlafsack. Als ich dann gefrühstückt und meine Sachen zusammengepackt habe, ist es schon Mittag. Dann geht es wieder weiter – immer die Straße hinab. Auf der anderen Talseite habe ich noch eine zeitlang einen schönen Blick zurück auf die inzwischen vertrauten Silhouetten der Rondane-Berge…

Danach geht es nur noch im Schatten am Nordhang des Tales hinunter und die Straße ist einfach langweilig. Einzig eine kleine geologische Besonderheit gibt es noch auf der anderen Talseite durchs Teleobjektiv zu bestaunen: die Kvitskriuprestene, die weißgekleideten Priester. Dies sind weiße Erdpyramiden aus Moränenmaterial, welche durch die dunklen Steinplatten, die sie bedecken, besser vor der Erosion geschützt wurden, als das umgebende Material.

Es sind heute gerade mal noch 0°C und ich komme immer tiefer – aus dem Winter hinaus, zurück in den Herbst. Nach den Tagen im kargen, weißen Fjell sind herbstlich gelbe Birkenblätter ein Anblick, an den ich mich erst wieder gewöhnen muss.

In einem Seitenweg finde ich ein schönes ebenes Plätzchen für mein Zelt. Es ist herrlich, dieses mal nicht im Schnee aufschlagen zu müssen. Sofort als das Zelt steht, ziehe ich mir die nassen Bergstiefel aus und lasse die nassen Socken in der Sonne trocknen. Danach koche ich mein Abendbrot und bereite mich auf eine weitere lange Nacht vor…

Norwegen

~ Solotour im Rondane Nationalpark – Tag 8 ~


Datum:     Montag, 19.10.2009
Wetter:     -2 °C, sonnig



Heute krieche ich schon ziemlich früh, noch vor Beginn der Dämmerung aus den Daunen und packe meine Sachen zusammen. Hier, direkt an der Hütte möchte ich das Zelt nicht stehen lassen, während ich fotografieren gehe. Inzwischen brauche ich zum Packen kaum noch eine halbe Stunde. Jedes Ding hat seinen Platz im Rucksack und die Handgriffe sitzen. Nachdem mein Lager geräumt ist, werfe ich mir meinen (inzwischen glücklicherweise etwas leichter gewordenen) Rucksack auf den Rücken und laufe ein Stück. In einem Wäldchen unterhalb des Berges Kåsen (2060 m), lasse ich meine Sachen liegen. Ich möchte zum Fotografieren auf den Gipfel steigen, von dem ich mir eine schöne Aussicht erhoffe. Und tatsächlich, je höher ich durch den Schnee voran stapfe, desto weiter öffnet sich das Panorama unter mir.

Weit reicht nun der Blick über das Tal der Ula und die umgebende Bergwelt. Das ganze Gebiet, in dem ich wunderbare Wintertage verbracht habe, liegt nun in schönstem Morgenlicht unter mir und ich kann mich innerlich davon verabschieden, denn ab heute geht es wieder zurück in Richtung Heimat.

Anschließend schultere ich wieder einmal den Rucksack und werde mich ab heute langsam auf den Rückweg machen. Mein Flieger geht zwar erst am Donnerstag, aber vor mir liegen noch 15 km Fußmarsch nach Otta zurück und zudem hat mir mein Vater für die nächsten Tage steigende Temperaturen und auch Nieselregen angekündigt.

Nachdem ich wieder im Tal bin, werfe ich einen letzten Blick hinauf zum Kåsen und folge dann dem Tal der Ula hinab bis Mysuseter. Der Weg hier entlang ist kaum mehr, als ein kleiner Trampelpfad und ich muss ziemlich aufpassen, mir hier nicht an einer der zahlreichen unter dem Schnee verborgenen Stolperfallen den Knöchel zu verknicken. Dieses Talstück ist jedoch noch einmal wunderschön und urwüchsig und ein weiterer kleiner Wasserfall rauscht hier über eine Steilstufe gen Tal. Ein schönes letztes Teilstück im Rondane.

Gegen Mittag bin ich dann zurück in Mysusæter und von nun an führt mein Weg nur noch die Straße hinab nach Otta. Obwohl es stetig bergab geht, läuft es sich nur sehr schlecht, weil die Straße glatt und vereist ist. Es sind heute in der Sonne sicherlich 6-8 °C und um mich herum tropft und taut es überall. Durch den Schneematsch sind auch meine Schuhe inzwischen durchgeweicht und ich bekomme unangenehm nasse Socken. Ich laufe deshalb nur noch lustlos 2-3 km bergab…

Am noch recht frühen Nachmittag gegen 15.30 Uhr beschließe ich deshalb, als ich einen halbwegs ebenen Platz für mein Zelt finde, es für heute gut sein zu lassen. Zeit habe ich ja schließlich noch genug. Und so kann ich wenigstens meinen feuchten Schlafsack samt der klitschnassen Gamaschen und Socken noch in den letzten Sonnenstrahlen trocknen lassen.

Als ich nach dem Abendessen in mein Zelt krieche, höre ich noch lange in meinem Hörbuch und auch, als ich nachts noch einmal munter werde und wach liege. Es war einfach zuviel Schlaf die letzten Tage…

Norwegen

~ Solotour im Rondane Nationalpark – Tag 7 ~


Datum:     Sonntag, 18.10.2009
Wetter:     -2 °C, sonnig



Heute gehe ich zum ersten Mal nicht bei Sonnenaufgang hinaus zum Fotografieren. In das enge Tal der Ula kommt dazu zu wenig Licht. Zum Frühstück gegen 9 Uhr gibt´s wieder einen dampfend heißen Cappuchino und Studentenfutter. Ich beschließe, bei der nächsten Wintertour komplett auf Müsliriegel zu verzichten und stattdessen mehr Trockenobst und Nüsse mitzunehmen. Beides schmeckt bei der Kälte einfach besser und ist dann auch nicht so hart gefroren, wie die Riegel.

Nach dem Frühstück bekomme ich heute zusätzlich noch ein paar Vitamine in Form von „Tiefkühl-Beeren“ und ich mache auch gleich noch ein paar Aufnahmen davon. Es ist schon irgendwie eigenartig, diese Beeren direkt neben den Schneeflecken zu pflücken.

Zusammengepackt sind meine Sachen dann recht schnell und mein heutiges (mutiges) Ziel steht auch bereits fest: Ich brauche unbedingt eine heiße Dusche! Ich stinke sicher wie ein Elch! Zum Glück riecht man sich ja nicht selber! Aber so langsam ist´s nimmer schön…. 😉

Der Weg nach Mysuseter hinein zieht sich eine ganze Weile hin und die Straße ist auch wieder ziemlich glatt. Die Fjellstue hat ihre Pforten, wie vermutet, schon für die Saison geschlossen, so bleibt nur das Rondane Spa Hotel. Ziemlich nobel kommt es daher, aber ich bin dennoch so verwegen und erkundige mich erstmal nach dem Preis für eine der Hütten, die hier ebenfalls vermietet werden. 800 Kronen die Nacht sind natürlich unerschwinglich für mich und so frage ich, ob es denn möglich wäre, dennoch eine heiße Dusche zu nehmen. Diese bekomme ich dann sogar kostenlos, vermutlich einzig und allein deshalb, weil die nette Dame am Empfang, meinem abgerissenen Zustand zufolge, sah, wie nötig diese war.

Der Duschraum im Keller des Hotels ist ziemlich schick und es duftet darin – auch aufgrund der Sauna, die sich ebenfalls hier befindet. Als ich mich dann im Spiegel betrachte, erschrecke ich mich fast vor mir selbst. Das ganze Gesicht ist verbrannt, faltig und die Augen blutunterlaufen. Ich brauche für die nächste Tour definitiv eine Sonnenbrille. Daran kann nun auch die Dusche nichts mehr ändern, aber zumindest an meinem körperlichen und seelischen Wohlbefinden vollbringt das heiße Wasser wahre Wunder. Die frische lange Unterwäsche und die sauberen Socken sind eine weitere Wohltat fürs Gemüt. Ich kann dann sogar noch bis 17.00 Uhr, als der Empfangsbereich geschlossen wird, in der gemütlich warmen Hotellobby sitzen und lesen, während ich meine Kamera-Akkus ans Stromnetz hänge.

Als ich mich wieder hinaus „in die Wildnis“ begebe, wird es bald dunkel, und ich laufe zurück zur Ula, allerdings dann etwas weiter flussabwärts. Weit komme ich nicht mehr und schlage heute mein Zelt ob der vorangeschrittenen Stunde auf dem Vorplatz einer Hütte auf, die aber zu dieser Jahreszeit sowieso einsam und verlassen steht. Die schneefreie überdachte Veranda kann ich gut zum Kochen nutzen und dann heißt es, eine weitere lange Nacht im Zelt zu verbringen. Als ich die Nacht nochmal hinaus muss, ist der Himmel über mir sternenklar. Ich hoffe immer noch, zum ersten Mal in meinem Leben, das Nordlicht zu sehen, aber leider vergeblich…

Norwegen

~ Solotour im Rondane Nationalpark – Tag 6 ~


Datum:     Samstag, 17.10.2009
Wetter:     -5 °C, sonnig



Halbzeit! Als ich wie immer mit der Morgendämmerung aus den Daunen steige, hat sich der Sturm endlich gelegt. Es ist nur noch etwas windig und ein zartes Morgenrot kündigt einen schönen Tag an. Pastellfarben geht die blaue Stunde in den Tag über und so vergehen die nächsten anderthalb Stunden mit fotografieren…

So schön die Bergwelt hier auch ist, nun habe ich sie oft genug fotografiert. Ich stelle fest, dass ich durch die vergangenen Auto-Fototouren in den Dolomiten und in Osteuropa mit meinem Fotofreund Andreas inzwischen schon ein wenig verwöhnt bin, was die Motivvielfalt betrifft. Überhaupt muss ich mich wieder daran gewöhnen, so langsam unterwegs zu sein. Besonders gut in Form bin ich ja nun nicht und der schwere Rucksack bremst mich zusätzlich aus.

Gegen halb 10, als ich wieder an meinem Schlafplatz ankomme, strahlt die Sonne schon kräftig vom blauen Himmel. Zum Frühstück, was wieder einmal aus dem obligatorischen Müsliriegel besteht, lasse ich sie mir wärmend ins Gesicht scheinen. Als Bauchwärmer gibt es heute ein Gemisch aus Cappuccino und Kakao – sehr lecker! Ich bin unglaublich froh, dass mein Kocher so zuverlässig seinen Dienst tut und dank fließendem Wasser, das mir hier eigentlich immer zur Verfügung steht, kann ich auch gut mit meinen Brennstoffvorräten haushalten, da ich keinen Schnee schmelzen muss. Nur an die, durch die Huminstoffe rostbraune Farbe des „Trinkwassers“ muss ich mich etwas gewöhnen. 😉

Heute möchte weiter der Ula hinab folgen und breche mein Zelt so gegen halb 11 ab. Aber entgegen aller Planung komme ich auch heute wieder einmal kaum voran, zu zahlreich sind die Motive am Wegrand. Genau, wie es mir die Norwegerinnen am ersten Tag gesagt haben – dies ist das schönste Teilstück entlang des kleinen Flüsschens. Ständig ergeben sich neue Motive, die mich meinen Rucksack abstellen lassen: kleine Stromschnellen, Eisgebilde in unterschiedlichsten Strukturen und Formen, Gischt und verschneite Ufer…

Als ich dann an einer kleinen Brücke ein wunderschönes Plätzchen finde, beschließe ich, einfach hier zu bleiben, obwohl ich heut kaum nennenswert vorangekommen bin. Sogar einen eigenen „Sessel“ habe ich hier unmittelbar neben dem Zelt – welch ein Luxus! So wird schnell das Lager hergerichtet und dann koche ich mir noch einen heißen Cappuchino, den ich gemütlich in der Sonne sitzend genieße.

Die nächsten Stunden verbringe ich dann wieder fotografierend im Bachtal der Ula. Durch den Sucher der Kamera ergeben sich immer wieder neue faszinierende Einblicke in den Mikrokosmos aus Eiszapfen, Eiswülsten, Gischt, fließendem Wasser und Stein. Mit der Kamera „malen“ kann ich nirgends so gut, wie an einem kleinen naturbelassenen Bächlein. Ich vergesse einfach alles um mich herum beim Spiel mit Licht, Farben und Formen…

Hungrig genieße ich dann abends im Zelt meinen Reistopf, langsam und genießerisch. Ich merke, dass die kappen Essensrationen (ein Müsliriegel oder eine Handvoll Studentenfutter am Morgen, über den Tag ein paar Schokobonbons und abends eine Nudel- oder Reispackung) so langsam echt an die Nerven gehen. Aber ich hätte beim besten Willen nicht mehr in meinen Rucksack hineinbekommen – und schließlich habe ich ja auch nichts gegen ein paar Kilo weniger auf den Hüften.

Die lange Nacht verschlafe ich tief und fest – trotz des lauten Rauschens der Ula unter mir. Noch eine ganze Weile danach, kann ich zuhause von diesem ausgeschlafenen Zustand zehren, denn dort bleibe ich eigentlich fast immer viel zu lange auf und bekomme selten so viel gesunden Schlaf.

Norwegen

~ Solotour im Rondane Nationalpark – Tag 5 ~


Datum:     Freitag, 16.10.2009
Wetter:     -5 °C, wolkig, Sturm



Als ich bei Tagesanbruch mit den ersten rosaroten Sonnenstrahlen aus dem Zelt schlüpfe, hat der Sturm etwas nachgelassen, aber er bläst mich noch immer fast von den Beinen. Es ist wieder kälter geworden und der See um mein Zelt herum ist zu blankem Eis gefroren. Der Himmel zeigt sich, bis auf einige Wolken inzwischen wieder fast blau.

Ich schicke gegen 7 Uhr eine SMS an meinen Vater zuhause und frage ihn nach der Wetterprognose. Kurze Zeit später bekomme ich die Nachricht, dass es wieder kälter werden soll, bei mäßigem Wind und kaum Niederschlag. Nach dem Schrecken der letzen Nacht, überlege ich nun hin und her, was ich nun machen soll. Eigentlich wollte ich noch weiter ins Gebirge hinein, zumindest bis zum Rondvatnet. Aber da dies meine erste Solotour ist und ich außerdem, falls mir etwas passiert, so verlassen wie das Gebirge im Moment ist, kaum mit schneller Hilfe rechnen kann traue ich mich, trotz der voraussichtlichen Wetterbesserung, nicht weiterzugehen. Letztlich bleibt das Wetter im Gebirge doch immer ein wenig unvorhersehbar. Schon eine kaum nennenswerte Menge an Neuschnee, würde mich beim Vorankommen enorm behindern. Und nicht zuletzt habe ich meinen Kindern versprochen, heile wieder zuhause anzukommen.

Hier bleiben kann ich allerdings auch nicht, zu offen ist das Fjell hier und zu sehr stürmt es noch. Ich werde also mein Zelt abschlagen und mir wieder einen geschützteren Platz suchen. Zunächst jedoch mache ich noch ein paar schöne Fotos von den Bergen um mich herum mit ihren sturmzerfetzten Wolkenmützen. Winzig und schutzlos ausgeliefert steht mein kleines Zelt tapfer und trotzt tapfer den Elementen.

Als ich zum Packen wieder ins Zelt möchte, traue ich mir kaum, den Reißverschluss zu öffnen, so sehr zerrt der Wind an dem dünnen Stoff. Im schützenden Inneren gibt es nur einem Müsliriegel gegen den knurrenden Magen – Kaffekochen fällt heute aus. Dann packe ich umständlich im engen Zeltinneren alles zusammen, was möglich ist und frage mich, ob dies wirklich eine so gute Idee ist, bei dem Sturm mein Zelt abzubauen. Was, wenn es mir dabei zerreißt, oder gar davonfliegt? Andererseits weiß ich auch nicht, ob es dem Sturm so ungeschützt in voller Breitseite hier noch lange standhält. Und noch so eine Nacht voller Angst überstehe ich auch nicht. Letztlich geht doch alles gut und das Zelt verschwindet heil im Rucksack. So wunderschön dieser Ort hier auch ist, ich bin froh, als ich wieder in Richtung Mysuseter zurückgehen kann.

Auf der Versorgungsstraße, auf der ich nun zurücklaufe, komme ich allerdings auch nicht schneller voran, als auf dem kleinen Trampelpfad an der Ula gestern, denn die Straße ist total vereist und der Sturm beutelt mich – mit dem Rucksack als zusätzlicher Angriffsfläche – hin und her. Wie betrunken torkele ich also zurück, auch etwas enttäuscht, dass ich so nicht mehr weiter in den Nationalpark vordringen kann… Ein paar schöne Impressionen dieses Sturmtages kann ich entlang des Weges dann auch noch einfangen.

Mein Lager schlage ich zunächst einmal wieder an der geschützten Stelle an der Ula auf, an der ich bereits die erste Nacht campiert habe. Ich schlüpfe in den Schlafsack, um mich wieder aufzuwärmen, lese ein paar Seiten, schreibe Tagebuch und sichte Bilder in der Kamera. Es bleibt den ganzen Tag über stürmisch und das Zelt flattert auch hier noch ziemlich heftig. Ich mag mir kaum ausmalen, wie es jetzt dort oben im Fjell aussieht. Ich gehe heute nicht einmal mehr zum Fotografieren raus, zu kalt ist mir. Die Temperatur liegt zwar nur bei -5 °C, aber durch den Wind werden mindestens gefühlte -15 °C daraus. Beim Rückweg aus dem Fjell habe ich heute trotz langer Unterwäsche, Fleecepulli und Hose, Windstopper-Fleece und GoreTex-Jacke gefroren. Ich verbringe den Nachmittag also mit „Nichtstun“ und koche mir in aller Ruhe mein Abendbrot, bevor ich mich heute recht früh nach der durchwachten letzten Nacht in meine Schlafsäcke kuschele.

Norwegen

~ Solotour im Rondane Nationalpark – Tag 4 ~


Datum:     Donnerstag, 15.10.2009
Wetter:     -4 bis 2 °C, zunächst sonnig, später bedeckt



Es spürbar wärmer geworden, als ich am Morgen zum Sonnenaufgang das Zelt verlasse. Ich kann also fotografieren, ohne dass Erfrierungen an den Fingern befürchten muss und das genieße ich wieder ausgiebig. Der Wandel des Lichts, das von der blauen Stunde, die hier oben im Winter besonders langsam ins erste Morgenrot übergeht, ist immer wieder aufs Neue faszinierend.

Als das Licht langsam zu hart zum Fotografieren wird gehe ich mir an einem kleinen Bach den Wasserbeutel für meinen heißen Kakao füllen und genieße dann mein Frühstück, das wieder einmal nur aus einer Handvoll Studentenfutter besteht, bei unglaublichen 10°C in der Sonne. Ich hole mir tatsächlich sogar einen Sonnenbrand im Gesicht! Am nördlichen Horizont zeigt sich jedoch ein Wolkenband, das bis zum Mittag die Sonne verdeckt.

Als es schließlich gänzlich zugezogen ist, habe ich auch meine Sachen verpackt und laufe den kleinen Trampelpfad entlang der Ula immer weiter in Richtung Spranget. Trotz des nicht mehr ganz so tollen Lichts, gibt es viele faszinierende Motive am Wegrand, wie die skurril geformten Zwergweiden, natürlich die Ula selbst und die sie umgebende Bergwelt. Ich schaue eine zeitlang dem geschäftigen Treiben der Wasseramseln zu und komme auch heute wieder nur im Schneckentempo voran. Auf dem kleinen Wanderweg ist vor mir seit dem Schneefall nur ein Mensch unterwegs gewesen, wovon die einsame Fußspur zeugt. Die Sommersaison ist längst vorüber und die Skifahrer erobern das Gebiet erst in den kommenden Monaten wieder, wenn die Schneedecke dicht genug ist. Nur vereinzelt streifen jetzt noch Jäger durchs Gebirge und verirrte, verrückte Touristinnen aus Deutschland… Dennoch fühle ich mich nicht einsam – ich genieße diese Zeit einfach nur – ohne den alltäglichen Trouble zuhause. Ich komme etwas zur Ruhe, sortiere meine Gedanken, spinne verrückte Ideen und sammle so Kraft für die kommende Prüfungszeit…

Immer wieder gibt es auf dem Pfad sumpfige Stellen, wo kleinere Bäche und andere Rinnsale in die Ula münden, aber ich finde zum Glück immer wieder eine Möglichkeit trockenen Fußes hinüber zu kommen. Dennoch ist das Laufen ziemlich anstrengend, da sich der Weg unter dem Schnee oft nur erahnen lässt. Der schwere Rucksack trägt natürlich auch noch das seinige dazu bei. Und es kommt, wie es kommen musste, ich stolpere über eine verborgene Wurzel und lande wie ein Maikäfer mit Händen und Füßen von mir gestreckt auf dem Rücken. Bis ich mich aus dieser misslichen Lage wieder befreit habe, dauert es so seine Zeit, nicht zuletzt deshalb, weil ich mich vor Lachen kaum aus der Umklammerung meines Rucksackes befreien kann. Nun stehe ich zwar wieder befreit auf zwei Beinen, allerdings weiß ich nicht, wie ich hier, so ganz ohne einen Stein oder ähnliches, auf den ich mein Bein zum Aufsetzen des Rucksackes stellen kann, diesen Koloss wieder auf meinen Rücken bekommen soll. Mit enormer Kraftanstrengung wuchte ich ihn dann aber doch hinauf (wobei es mich durch den Schwung gleich fast wieder in den Schnee wirft).

Bei Spranget bildet die Ula noch einmal eine kleine Schlucht, durch die sich tosend die Wassermassen ihren Weg bahnen. Eine kleine Brücke führt hier hinüber, tiefer in den Nationalpark hinein in Richtung Rondvassbu, wohin ich morgen laufen möchte. Doch zunächst beschließe ich mir für heute hier ein Plätzchen fürs Zelt zu suchen.

Ich schlage dann auch nicht weit entfernt mein Zelt auf. Die kleine Mulde, die ich mir dafür suche, bietet nur wenig Windschutz, aber ich stelle die Längsseite in Windrichtung und bin froh, dass sich kaum ein nennenswertes Lüftchen regt. Die eigentlich doch recht deutlichen Anzeichen, dass sich dies bald ändern soll, vermag ich nicht zu lesen und erfreue mich derweil einfach nur an dem grandiosen Bergpanorama, das mich umgibt. Weit reicht der Blick über das karge Fjell zu den durch längst vergangene Gletschertätigkeit rundgeschliffenen Gipfeln des Storronden, Rondslottet, Smiukampen und wie sie alle heißen…

Auch jetzt gegen Abend ist es im Vergleich zu den letzten Tagen noch sehr warm und so kann ich, nachdem das letzte Abendlicht auf Chip gebannt ist, ohne Eile mein Abendbrot zubereiten. Wie immer besteht dieses nur aus einer Packung Tütennudeln. Aber da ich nach dem kärglichen Frühstück nur ein paar Schokobonbons „zugeteilt“ bekommen habe, ist das ein fast königliches Menü für mich…

Nach dem Essen schlafe ich recht bald ein, bis mich das heftige Flattern der Zeltwände im Wind wieder weckt. Die Böen werden immer heftiger und es fängt an zu regnen. Ein Blick auf die Uhr zeigt gerade mal 23.00 Uhr – es bleiben also noch 8 Stunden, bis die Nacht vorbei ist. Ich bekomme es langsam mit der Angst zu tun, als ich feststelle, dass der Wind auch noch gedreht hat und mein Zelt sich nun mit der Breitseite dem Sturm entgegenstellt. Zudem ist mein kleines Micra alles andere, als ein sturmstabiles Expeditionszelt.

Als ich einige Zeit später noch einmal nach draußen will, um die Abspannungen zu kontrollieren, muss ich auch noch mit Entsetzen feststellen, dass mein gesamtes Vorzelt, wo ich am Abend den Schnee festgetreten hatte, durch die rasant angestiegenen Temperaturen unter Wasser steht – und damit kurz davor, sich ins Zeltinnere zu ergießen. Ich verstaue meinen Rucksack in der Apsis erst einmal in einem großen Müllbeutel. Dann ziehe ich die Socken aus und steige – nur mit Crocs an den nackten Füßen – ins Eiswasser. Meine Versuche, einen Entwässerungsgraben um mein Zelt zu ziehen, sind in der Mulde, wo das Zelt steht, nur von kärglichem Erfolg gekrönt, aber zumindest kann ich verhindern, dass das Wasser ins Innenzelt überläuft.

Wieder im Schlafsack, wärme ich meine Eisfüße und Hände wieder auf, bekomme aber kein Auge mehr zu. Immer wieder schütteln heftige Böen das Zelt. Nur indem ich mich gegen die Breitseite lehne, kann ich verhindern, dass es völlig flachgerückt wird. An Schlaf ist den Rest der Nacht nicht mehr zu denken – ich habe einfach nur noch Angst, dass ich meine schützende Außenhülle verliere und dann schutzlos den Elementen ausgeliefert bin. In meinem Kopf löst ein schlimmes Szenario das nächste ab…

Norwegen

~ Solo-Trekking im Rondane Nationalpark ~


Norwegen. Rondane. Dunkelheit. Über mir ein samtschwarzer mit tausenden funkelnden Sternen behängter Himmel. Mein Atem kondensiert in der frostigen Nachtluft, aber mir läuft der Schweiß den Rücken hinunter, denn Serpentine um Serpentine schleppe ich meinen 35 kg schweren Rucksack bergan. Und ich will nur noch eines: Schlafen!

Aber bevor ich überhaupt in Norwegen ankomme, entwerfe ich in Gedanken hier in Deutschland einen tollen Urlaub in Skandinaviens Weite. Ich stecke mitten in meiner Diplomarbeit und will nur raus hier und eine zeitlang abschalten, um neue Energie für den Endspurt zu schöpfen. Die letzten Jahre habe ich meine Reisen hauptsächlich mit meinem lieben Fotofreund Andreas auf diversen Autotouren verbracht, aber das soll sich diesmal ändern. Ich möchte mich wieder mehr aus eigener Kraft bewegen. Nachdem ich im Mai unglaubliche 100 kg auf der Wage gebracht habe, gehört Bewegung neben der Ernährungsumstellung zum Diätplan. Erste Erfolge zeigen sich bald und kurz vorm Urlaub wiege ich bereits 15 kg weniger.

Ich war bereits 1999 zum ersten Mal mit Rucksack und Zelt in Norwegen. Damals mit zwei Jungs, die ich über die Pinwand beim Globetrotter kennengelernt hab. Und auch dieses Mal möchte ich nicht so gern ganz alleine dort hoch. Deshalb schalte ich im Forum wieder eine Annonce. Allerdings ist die Resonanz darauf nicht wirklich berauschend. Woran das wohl liegen mag? Naja, ich gebe zu – Trekking im Vorwinter in Norwegens Bergwildnis klingt echt nicht ganz nach Luxusurlaub. Nur ein Interessent meldet sich bei mir, springt aber dann doch ab. Steht also nur die Wahl Solotour oder auf den Urlaub verzichten. Wer mich kennt, der wird wissen, dass letzteres für mich nie in Frage käme. Also mache mich voller Enthusiasmus an die Planung.

Nach diversen Recherchen in verschiedenen Outdoor-Foren, Wetterkanälen, Tourismusseiten und logistischem Hin- und Her zwischen Flug und öffentlichen Verkehrsmitteln, kristallisiert sich auch irgendwann ein konkretes Ziel heraus: RONDANE. Leicht und preisgünstig zu erreichen. Im Vergleich zu anderen Gebieten Norwegens relativ geringe Niederschlagsmengen, wandertechnisch gut erschlossen (wie ja eigentlich alle Nationalparks in Norwegen) und nicht zuletzt auch landschaftlich sehr interessant, was für mich als Naturfotografin wohl der wichtigste Punkt ist.

Rumänien – Durch die wilden Karpaten

~ Teil 3 ~

Natürlich besuchten wir in Transsilvanien die berüchtigte „Draculaburg“ in Bran. Ungeachtet der Tatsache, dass die Person, die für Dracula Pate gestanden hat, ein walachischer Fürst namens Vlad Tepes (sein Vorgänger hieß Dracul), diese Burg vermutlich nie gesehen hat, ist dort ein beachtlicher touristischer Rummelplatz entstanden. Zu verdanken ist dies dem „Dracula-Erfinder“ Bram Stoker, den die Braner Burg zum Schreiben seiner Vampirgeschichte inspiriert hat. Der „echte“ Dracula hatte, wie alle walachischen Fürsten, seinen Wohnsitz in der fürstlichen Burg in Targoviste. Der Umgang mit seinen Feinden, die zur Abschreckung auf Pfähle gespießt wurden, brachte ihm den Ruf besonderer Grausamkeit ein.

Die Burg Bran, wie man sie heute besichtigen kann, wurde im Jahre 1377 auf Geheiß des ungarischen Königs zur Sicherung der ungarischen Reichsgrenze und zu Überwachung des Bran-Passes errichtet und wurde im Lauf der Jahrhunderte durch die verschiedenen Eigentümer immer wieder verändert und erweitert. Ein Besuch der Burg mit ihrem Labyrinth aus kleinen Kammern, Sälen, Fluren, Treppchen und Wehrgängen ist auf jeden Fall lohnenswert. Im Anschluss kann man sich auch noch das ethnografische Museum im Schlosspark ansehen, in welchem typische Bauten und historische Alltagsgegenstände der Gegend um Bran für die Nachwelt erhalten werden.

Am frühen Nachmittag geht es wieder mit dem Auto weiter, zunächst weiter gen Westen, bis wir schließlich nach Norden auf die Transfagaras einschwenken, um das Fagaras-Gebirge zu überqueren. Dieses Gebirge ist ein gewaltiger, steiler Grenzwall zwischen Transsilvanien und der Walachei, aufgebaut aus dunklem, graugrünem Schiefer – eine Wetterscheide und Wetterküche zugleich. Die Transfagaras-Straße, ein Prestigeprojekt Ceausescu´s überquert die Fagaras Berge und erreicht in der Nähe der Tunnel zum Balea See in einer Höhe von 2.042 m ihren höchsten Punkt. Nachdem wir uns in endlosen Haarnadelkurven zum Pass hinauf geschraubt haben, zum Teil sorag an noch recht mächtigen Schneeresten an schattigen Stellen, steigen hier kurz aus und laufen ein paar Schritte…

Für unser Nachtlager finden wir heute ein schönes Plätzchen in einem Eichenwald. Doch schon, als wir unser Abendbrot zubereiten, kommt ein verwilderter Hund immer näher und lässt sich nur schwer vertreiben. Da ich Angst habe, er könnte vielleicht eines der Kinder beißen, verziehen wir uns recht bald ins Zelt. In der Nacht werden es scheinbar immer mehr Hunde, die es auf eventuelle Essenreste abggesehen haben und draußen beginnt direkt neben mir ein wütendes Bellen und Knurren, das einem das Blut in den Adern gerfrieren lässt. Das Knurren hält noch lange draußen an und ich bekomme kaum ein Auge zu, schließlich ist zwischen mir und den Hunden nur eine dünne Zeltwand aus Stoff – nicht gerade vertrauensfördernd, vor allem wenn einem dann wieder die wüstesten Horrorgeschichten von verwilderten, tollwütigen Hirtenhunden einfallen, die man im Vorfeld der Reise so gehört hat.

Am Morgen jedoch sind die Hunde verschwunden und wir können in aller Ruhe frühstücken und zusammenpacken. Wir beschließen, wieder einmal die großen Hauptstraßen zu meiden und uns noch eine Weile auf den kleinen Bergstraßen im Fagaras aufzuhalten. So kommen wir einmal mehr in den Genuss, die klitzekleinen Bergdörfer abseits des Tourismus kennenzulernen und in aller Ursprünglichkeit zu erleben.

Nachdem der Tag heute wieder einmal sonnig uns sehr heiß war, zieht es sich gegen Abend völlig zu und wir bauen unser Zelt schon während der ersten Regentropfen auf. Es regnet dann auch die ganze Nacht hindurch, so dass am nächsten Morgen ein kleiner Bach durch unser Vorzelt fließt. Zum Glück ist es in den Schlafkabinen trocken geblieben. Wir frühstücken ersteinmal in Ruhe und packen dann unsere Sachen zusammen. Das Zelt müssen wir dann leider auch im Regen abbauen und klitschnass zusammensacken.

Heute zeigen die Berge deshalb nur ein tristes, graues Gesicht und es kommt keine so rechte Freude am Fahren auf. Wir sehen hier auch einige Höfe, weit ab von jeglicher Ortschaft, zum teil so verwildert, dass man sich fragt, wie hier Menschen hausen können, aber wahrscheinlich trägt das miese Wetter zu diesem Eindruck bei.

Gegen Nachmittag lichtet sich jedoch der Himmel und als wir auf eine Berghütte stoßen, die gerade neu gebaut und zum Teil noch nicht ganz fertiggestellt ist, beschließen wir, eine Nacht hier zu verbringen um unsere Ausrüstung zu trocknen und den „Luxus“ eines Bettes und einer warmen Dusche zu genießen. Die Zimmer sind sehr spartanisch eingerichtet, kein Fußboden, nur ein paar Teppiche auf blankem Beton sowie ein paar Betten aus Brettern zusammengezimmert…aber immerhin: ein kleiner Kohleofen, den wir auch gleich anfeuern, denn es ist sehr frisch heute hier oben in den Bergen.

Zum Abendbrot lassen wir uns heute bewirten: Es gibt Mămăligă, einen aus Maisgrieß hergestellten festen Brei, der in Rumänien, Moldawien und anderen Teilen des Balkans zur regionalen Kochtradition gehört. Besonders in Rumänien ist er ein Nationalgericht. Dazu gibt es Rahm und Schafskäse. Mit all dem kann ich mich jedoch nicht so recht anfreunden – zu sehr war ich damals noch das typisch deutsche Essen gewohnt. Heute würde es mir sicher sehr gut schmecken, gehören doch Polenta und Schafskäse bei mir inzwischen fast zur Standardküche.

Rumänien hat durch seine Karstgebiete auch ein weites Höhlennetz mit ungefähr 11.000 Höhlen, von denen viele für Besucher zugänglich sind. Wir wollen uns eine der bekanntesten Höhlen der Westkarpaten ansehen: die Pestera Ursilor (die Bärenhöhle). Sie befindet sich in der Gemeinde Chiscani, im Kreis Bihor. Die Höhle wurde erst im Jahr 1975 entdeckt. Nach einer Sprengung im über ihr liegenden Steinbruch, entstand ein Riss in ihrer Decke, durch die sich der Sprengmeister an einem Seil in die die Tiefe hinabließ. Neben einem unglaublichen Reichtum an Tropfsteinen wurde in ihr auch das vollständige Skelett eines Höhlenbären (Ursus Spelaeus) entdeckt, der hier vor 15.000 – 20.000 Jahren verendete, gefunden. Die Höhle erstreckt sich mit rund zwei Kilometern Länge auf zwei Etagen. Die oberen Bereiche kann man bei einer Führung besichtigen, die unteren mit 700 Metern Länge, ist jedoch nur für Forschungszwecke zugänglich. Eine Führung durch die Höhle dauert zirka 45 Minuten und eröffnet uns einen unglaublich faszinierenden Einblick in die Unterwelt.

Nach der Besichtigung der Bärenhöhle geht es nun weiter gen Heimat in Richtung der ungarischen Grenze und wir erleben einen weiteren herrlich sonnigen Tag in diesem schönen Land.

An unserem letzten Tag in Rumänien wollen wir uns noch eine Eishöhle anschauen. Dazu fahren wir von der Hauptstraße einen schier endlos langen Schotterweg ins Gebirge hinein, immer mit bangem Blick auf die Spritanzeige, denn unser Tank ist schon fast leer und wir müssen ja wieder zurück zur nächsten Ortschaft, um tanken zu können. Am Ende dieser Sackgasse angekommen, wo es mit dem Auto nicht mehr weitergeht, bauen wir zunächst unser Zelt auf, damit dieses bis zum Abend noch trocknen kann, ist es doch noch etwas feucht vom letzten Regentag.

Dann brechen wir am Nachmittag zur Höhle auf. Es geht einen kleinen, mit Sonnenflecken beschienenen Waldweg entlang, stetig bergan. Hier finde ich einen kleinen weißen Kalkstein, der perfekt wie ein kleiner Mini-Mt. Everest geformt ist und stecke ihn in meine Hosentasche. Noch heute liegt er bei meinen Steinen auf dem Balkon – dieser erste Stein begründete eine inzwischen liebgewordene Tradition, aus jedem Urlaub (mindestens) einen weiteren schönen oder interessanten Stein mitzubringen.

Als wir am Zustieg zur Höhle, die am Grund einer Doline liegt, ankommen, machen wir noch ein kleines Picknick, bis wir uns auf den Weg nach unten begeben. Der Weg hinab zum Höhleneingang wird auf der verrosteten, wackeligen Eisenstiege ohne Geländer zur Zitterpartie und lässt einen fast das strenge deutsche Sicherheitsreglement vermissen – mit meiner Tochter in der Kraxe auf dem Rücken, ist mir wirklich etwas mulmig zumute. Aber wir kommen letztlich heil unten an und stehen vor einem weiten Höhleneingang aus dem uns eiskalte Luft entgegenschlägt. Wir sind jedoch ein klein Wenig enttäuscht, denn das Innere der Höhle ist nicht beleuchtet und auf dem kurzen, ebenfalls sehr maroden Gitter-Steig, auf dem wir uns mehr schlecht als recht vorantasten, kann man die Schönheit der Eisgebilde nur erahnen, zumal ich auch keine Stirnlampe dabei habe…

Den restlichen Nachmittag verbringen wir noch am Zelt in der Sonne mit Spielen, Kochen und Wäsche trocknen und abends am Lagerfeuer irgendwie auch schon einem kleinen Bisschen wehmütigem Abschiednehmen von einem wunderbaren Land.

Abenteuerlich war dann auch unsere Rückfahrt am nächsten Morgen. Wir hatten ja so gut wie keinen Sprit mehr und wussten nicht, wann wir die nächste Tankstelle finden würden. So rollten wir fast ohne Motorantrieb – immer mal wieder starten, Schwung holen und rollen lassen… (zum Glück ging es zumeist bergab) über 15 km bis zum nächsten Ort, um es mit den letzten Tropfen zur Tankstelle zu schaffen.

Unser letzter Urlaubstag nag sich dem Ende zu mit einem Camp auf einer herrlich duftenden Blumenwiese, voller Wärme, goldenem Sonnenuntergangslicht, Grillenzirpen und voller schöner Erlebnisse…

Es war eine Reise zu Orten, wo Zeit nur aus Vergänglichkeit besteht – vergessene Orte, wo man von einem zum nächsten Tag lebt, wo man trotz oder gerade wegen der Armut die Lust am Leben nicht verloren hat, wo die unübersehbaren Boten des Wohlstandes keine Bedeutung haben und wo einzig der Rhythmus der Natur den Alltag bestimmt.

Was in Erinnerung bleibt, sind wunderbare, sommergoldene Naturlandschaften, faszinierende Einblicke ins Innere eines sagenumwobenen Gebirges und Begegnungen mit gastfreundlichen Menschen, welche scheinbar außerhalb der Zeit leben und die trotz ihrer Armut die Freude am Leben und vor allem die Zufriedenheit mit dem Gegebenen nicht verloren haben und somit irgendwie dann doch reicher sind, als manch einer von uns. Rumänien, ich komme wieder. Irgendwann…

Rumänien – Durch die wilden Karpaten

~ Teil 2 ~


Am nächsten Tag fahren wir weiter durch diese wunderschöne, bäuerlich geprägte Gegend. Allerorts sind kleine Stände am Straßenrand aufgebaut, auf denen verkauft wird, was der eigene Garten oder das kleine Feld hergibt. Saftige, süße Melonen, Zwetschgen, dunkelrote Tomaten voller Geschmack. All das wechselt für ein paar rumänische Leu den Besitzer. Auch sehr leckeren rumänischen Honig können wir am Straßenrand erstehen.

Der Stausee Izvorul Muntelui, der auch Lacul Bicaz genannt wird, ist der größte Stausee Rumäniens und in den wasserarmen Kalksteingebieten ein seltener Anblick. Wir haben die Hoffnung, hier vielleicht irgendwo baden gehen zu können, aber wir gelangen nirgends wirklich ans Wasser heran. Die einzige Stelle ist felsig und so verbaut, dass wir unseren Veruch dann doch aufgeben.

Ab jetzt wollen wir mitten durchs Gebirge fahren und uns auf kleinen Fahrwegen mehr oder weniger entlang des Karpatenkammes zirca 200 km nach Süden vorantasten – ein äußerst abenteuerliches Vorhaben, aber davon wissen wir ja noch nichts… 😉 Und wir kommen auch nicht sehr weit, denn aufgrund der äußerst schlechten Schotterpisten landen wir schon bald fast im Straßengraben. Die Räder kreisen in der Luft, wir kommen keinen Millimeter mehr voran, ohne einen Absturz zu riskieren. Nun ist guter Rat teuer – was nun? Doch schon bald taucht unverhofft Hilfe in Form eines rumänischen Waldarbeiters auf, der uns in unserer misslichen Lage sieht und sofort sein Pferd ausspannt, um damit das Auto wieder auf die Straße zu ziehen…

Die Rettungsaktion gelingt, obwohl es kurz den Anschein hat, als ob das Auto doch noch den Hang hinunter kippt und das Pferd mit sich reißt! Wir sind unglaublich dankbar über diese freundliche Rettungsaktion und beschenken den Bauern mit ein paar Kleinigkeiten aus unserern Lebensmittelvorräten, da er kein Geld für seine Hilfe annehmen will. Und dann geht es auch schon weiter, im Schritttempo durch die Berge.

Ein typisches Landschaftsbild sind hier die vielen kleinen Höfe, die sich aus den Tälern bis auf die entferntesten Bergkuppen verteilen, neben dem Haus ein Brunnen, ein kleines Feld, Heuschober und die Kreuze der auf ihrem Grund begrabenen Vorfahren. Von diesen Höfen läuft man in der Regel bis zu drei, vier Stunden zur nächsten größeren Gemeinde, was in der Regel nur am Sonntag zum Kirchgang geschieht.

In den tiefen Wäldern hier in der Gegend gibt es noch Bären, Wölfe und Luchse. Ein Waldarbeiter, der vorbeikommt, während wir unser Zelt aufbauen, will uns vor „Ursus“ warnen und schüttelt nur verwundert mit dem Kopf, als wir dennoch bleiben. Zunächst lassen wir uns von dieser Warnung auch nicht beeindrucken, gehen den normalen Campleben nach (abends gibt es sogar lecker Plinsen mit Marmelade vom Campingkocher) aber als wir abends im Zelt liegen und den Geräuschen der Nacht lauschen, verkündet doch jedes Rascheln und Knacken das Näherkommen eines wilden Karpatenbären…

Heute wollen wir wieder eine größere Strecke zurücklegen, ein paar Ziele locken noch im Süden Rumäniens und deshalb brechen wir schon recht zeitig auf. Doch hier oben in den Bergen ist der Zustand der Straße weiter so schlecht, dass ich bequem neben dem Auto her gehen kann und Schmetterlinge und Blumen fotografieren, ohne den Anschluss zu verlieren. Später am Tag fahren wir durch die Bicaz Schlucht, die zu den spektakulärsten und bekanntesten in Rumänien zählt. Die dicht bewaldeten Berge ragen bis zu 300 m neben der schmalen, schlaglochübersäten Straße auf. Der Fluss Bicaz rauscht erst rechts, dann links der Straße durchs Tal. An den breiteren Stellen der Schlucht stehen ein paar Hütten von Souvenirhändlern.

Je weiter wir aus den Bergen hinauskommen und nach Süden vordringen, desto heißer wird es. Es sind über 30°C und im Auto kaum auszuhalten. Wir kommen an Wein- und Pfirsich-Plantagen vorbei, wo wir begierig ein paar saftige Früchte pflücken… Die Weintrauben schmecken wunderbar süß und erfrischen bei der fast unerträglichen Hitze im Auto wenigstens etwas. Aus Kindertagen kennen wir sie noch alle: Telegrafenmäste – etwas, das in Deutschland jedoch schon fast überall der Vergangenheit angehört – hier gehören sie noch zum alltäglichen Straßenbild. Vielerorts können wir hier auch Ziehbrunnen sehen, mit denen die Viehtränken mit Wasser befüllt werden. Diese Brunnen, nutzen ein jahrhundertealtes Prinzip, bei dem mit einem langen hölzernen Hebel ein Eimer in die Tiefe hinabgelassen und mit frischem Grundwasser befüllt wieder hinauf befördert wird.

Auf (endlich einmal wieder) recht guten Straßen legen wir heute rund 300 km zurück. Am Nachmittag geht es wieder einmal auf kleinen staubigen Pisten durch die Dörfer – in einer Gegend, die durch Erdölförderung und Landwirtschaft geprägt ist.

Am Abend erreichen wir nach einigen Irrungen aufgrund der schlechten Ausschilderung unser heutiges Tagesziel: die Schlammvulkane „Vulcanii Noroiosi“ in der Ortschaft Berca. Obwohl diese Miniaturvulkane wie ihre großen Verwandten aussehen, fördern sie keine Lava, sondern – wie der Name schon sagt: Schlamm – aus mehreren Kilometern Tiefe. In Erdölgebieten kommen sie relativ häufig vor, da sie an ähnliche Ablagerungsbedingungen wie dieses gebunden sind: Sedimentbecken in denen relativ schnell große Mengen an wasserreichem, tonigem Material abgelagert wurde. Durch die darüber auflagernden jüngeren Sedimente, stehen diese wasserreichen Schichten unter Druck, steigen durch ihre geringere Dichte auf und können an tektonischen Schwächezonen austreten. Eingeschlossene, aufsteigende Gase wie Methan oder Kohlendioxid reißen den Schlamm mit sich und lassen ihn oft mehrere Meter weit aus dem Krater spritzen. Andere Vulkane blubbern dagegen recht friedlich vor sich hin, wieder andere laufen aus wie der überkochende süße Brei aus Grimms Märchen. Ein ganz besonderes Naturschauspiel im letzten Licht der untergehenden Sonne…..

Unser Zelt haben wir ganz in der Nähe aufgeschlagen und so können wir zum Eischlafen immer wieder das Blubbern und Glucksen der Vulkane hören – neben dem Zirpen der Zikaden, die unsere Nachtmusik spielen.

Am nächsten Morgen bauen wir nach dem Frühstück unser Zelt ab, packen zusammen und fahren noch ein kleines Stück. Wir wollen noch zu einem weiteren Vulkanfeld, das ganz in der Nähe sein soll.

Wir finden das weitere Gebiet ohne große Probleme und sind wie bereits am Vortag fasziniert von diesem eigenartigen Naturschauspiel. Da es so trocken ist, können wir uns die Vulkane ohne Bedenken anschauen und auf der weiten Fläche herumlaufen. Bei Regenwetter sind jedoch nur mit äußerster Vorsicht zu betreten: in den mehrere Meter dicken Schlammschichten sollen schon ganze LKW versunken sein.

Eine eigenartige, karge und vegentationslose Mondlandschaft breitet sich hier in der drückenden Sommerhitze auf mehreren Hektarn Größe vor uns aus – durchzogen von tiefen, durch das Regenwasser gebildeten Erosionsrinnen, in denen die Kinder fast verschwinden können. Obwohl solche Schlammvulkane in Europa nur selten zu finden sind, gibt es weltweit doch viele ähnliche Gebiete.