Norwegen

~ Solotour im Rondane Nationalpark – Tag 7 ~


Datum:     Sonntag, 18.10.2009
Wetter:     -2 °C, sonnig



Heute gehe ich zum ersten Mal nicht bei Sonnenaufgang hinaus zum Fotografieren. In das enge Tal der Ula kommt dazu zu wenig Licht. Zum Frühstück gegen 9 Uhr gibt´s wieder einen dampfend heißen Cappuchino und Studentenfutter. Ich beschließe, bei der nächsten Wintertour komplett auf Müsliriegel zu verzichten und stattdessen mehr Trockenobst und Nüsse mitzunehmen. Beides schmeckt bei der Kälte einfach besser und ist dann auch nicht so hart gefroren, wie die Riegel.

Nach dem Frühstück bekomme ich heute zusätzlich noch ein paar Vitamine in Form von „Tiefkühl-Beeren“ und ich mache auch gleich noch ein paar Aufnahmen davon. Es ist schon irgendwie eigenartig, diese Beeren direkt neben den Schneeflecken zu pflücken.

Zusammengepackt sind meine Sachen dann recht schnell und mein heutiges (mutiges) Ziel steht auch bereits fest: Ich brauche unbedingt eine heiße Dusche! Ich stinke sicher wie ein Elch! Zum Glück riecht man sich ja nicht selber! Aber so langsam ist´s nimmer schön…. 😉

Der Weg nach Mysuseter hinein zieht sich eine ganze Weile hin und die Straße ist auch wieder ziemlich glatt. Die Fjellstue hat ihre Pforten, wie vermutet, schon für die Saison geschlossen, so bleibt nur das Rondane Spa Hotel. Ziemlich nobel kommt es daher, aber ich bin dennoch so verwegen und erkundige mich erstmal nach dem Preis für eine der Hütten, die hier ebenfalls vermietet werden. 800 Kronen die Nacht sind natürlich unerschwinglich für mich und so frage ich, ob es denn möglich wäre, dennoch eine heiße Dusche zu nehmen. Diese bekomme ich dann sogar kostenlos, vermutlich einzig und allein deshalb, weil die nette Dame am Empfang, meinem abgerissenen Zustand zufolge, sah, wie nötig diese war.

Der Duschraum im Keller des Hotels ist ziemlich schick und es duftet darin – auch aufgrund der Sauna, die sich ebenfalls hier befindet. Als ich mich dann im Spiegel betrachte, erschrecke ich mich fast vor mir selbst. Das ganze Gesicht ist verbrannt, faltig und die Augen blutunterlaufen. Ich brauche für die nächste Tour definitiv eine Sonnenbrille. Daran kann nun auch die Dusche nichts mehr ändern, aber zumindest an meinem körperlichen und seelischen Wohlbefinden vollbringt das heiße Wasser wahre Wunder. Die frische lange Unterwäsche und die sauberen Socken sind eine weitere Wohltat fürs Gemüt. Ich kann dann sogar noch bis 17.00 Uhr, als der Empfangsbereich geschlossen wird, in der gemütlich warmen Hotellobby sitzen und lesen, während ich meine Kamera-Akkus ans Stromnetz hänge.

Als ich mich wieder hinaus „in die Wildnis“ begebe, wird es bald dunkel, und ich laufe zurück zur Ula, allerdings dann etwas weiter flussabwärts. Weit komme ich nicht mehr und schlage heute mein Zelt ob der vorangeschrittenen Stunde auf dem Vorplatz einer Hütte auf, die aber zu dieser Jahreszeit sowieso einsam und verlassen steht. Die schneefreie überdachte Veranda kann ich gut zum Kochen nutzen und dann heißt es, eine weitere lange Nacht im Zelt zu verbringen. Als ich die Nacht nochmal hinaus muss, ist der Himmel über mir sternenklar. Ich hoffe immer noch, zum ersten Mal in meinem Leben, das Nordlicht zu sehen, aber leider vergeblich…

Rumänien – Durch die wilden Karpaten

~ Teil 1 ~


Am 31. Juli 2000 starteten wir von Dresden aus in Richtung Tschechischer Grenze (Hřensko), aber schon in Pirna mussten wir unsere Fahrt wieder unterbrechen, weil der kleinen Josefin, damals grad zwei Jahre alt, im Auto hinten so schlecht geworden ist, dass sie sich gleich einmal von oben bis unten vollgebrochen hatte – das konnte ja heiter werden bei allein 1000 Kilometern Anreise! Wir wechselten die Sachen, besorgten ihr in der Apotheke noch ein Mittel gegen Reiseübelkeit und weiter ging es. Das Mittel half uns so kamen wir doch unverhofft gut voran. Gegen Abend schlugen wir zum ersten Mal unser Zelt auf – irgendwo in den Wäldern der Slowakei. Über Ungarn ging es dann am nächsten Tag nach Rumänien, wo wir im Norden bei Satu Mare die Grenze überquerten…

Maramures – im Norden Rumäniens, nahe der Grenze zur Ukraine gelegen – gehört zu den ursprünglichsten Regionen dieses Landes. Es ist ein bergiger, waldreicher Landstrich voller Vielfalt und natürlicher Schönheit. Man fühlt sich hier mindestens um ein Jahrhundert in der Zeit zurückversetzt. Pferdefuhrwerke, Ochsenkarren, spielende Kinder, Hühner, Gänse und Hunde auf den löchrigen Straßen gehören genauso zum Ortsbild, wie der Bauer mit seiner Sense auf der Wiese und die daneben friedlich grasenden Kühe. Am Abend sitzen die Männer beim Kartenspielen und die Frauen beim Bohnenschnibbeln oder einfach nur so zu einem kleinen Plausch auf den Bänken an der Straße…

Auch für Rumänien selbst, ist die Maramures ein ganz besonderer Landesteil. Hier sollen die freien Draker gehaust haben, die nie durch das römische Imperium besetzt wurden, sondern nur Handel mit ihm trieben, und die sich auch sonst allen Eindringlingen widersetzten. Die Rumänen sagen selbst, in der Maramures leben die freundlichsten, hilfsbereitesten, aber auch die starrköpfigsten Bewohner ihres Landes. Und die Hilfsbereitschaft der Rumänen sollen wir in den nächsten Tagen noch mehrfach genießen dürfen. Entlang der wenig befahrenen Dorfstraßen stehen kleine Bauernhäuser, oft ganz aus Holz errichtet – viele mit kunstvoll geschnitzten Verzierungen und riesigen Holztoren. Gerade die Holzbaukunst, die über Jahrhunderte hinweg in den Dörfern sich erhalten hat, ist allein schon einen Besuch dieser Region in den Karpaten wert. Zu ihren Wahrzeichen gehören auch wunderschöne Holzkirchen, die in fast jedem Ort zu sehen sind. Sieben davon wurden von UNESCO in die Welterbeliste aufgenommen.

Hier wird auch das Brauchtum noch gepflegt. Es ist Sonntag und auf den Straßen sieht man vielerorts die Menschen in traditioneller Kleidung, mit geblümten Röcken, bunt bestickten Schürzen, Filz- oder Schafwollwesten und bunten Kopftüchern zur Kirche gehen. Wir kommen an in Sapinta, einem kleinen Ort, der eine besonders originelle Sehenswürdigkeit zu bieten hat: den „Heiteren Friedhof“. Dass hier ab und zu Touristen vorbeikommen, machen sich einige Bäuerinnen zunutze, die bei schönem Wetter ihre Webstühle am Straßenrand aufbauen und wunderschöne, dicke Wollteppiche weben und zum Kauf anbieten.

Im Jahre 1935 hat sich hier ein junger Mann namens Ion Stan Patras verpflichtet, günstig ein Holzkreuz für einen verstorbenen, armen Menschen anzufertigen. Dieses Holzkreuz war eine Überraschung, da es mit der Tradition brach. Es war bunt bemalt mit geschnitzten naiven Versen und Bildern wurde auf komische Weise das Leben des Verstorbenen beschrieben. Die Dorfeinwohner waren so begeistert, dass sie nun für alle Verstorbenen Kreuze bei Ion Stan Patras bestellten. Somit entstand im Laufe der Jahre ein kleiner, ungewöhnlicher Friedhof im Kirchenhof. Jedes dieser Kreuze enthält ein Bild und die Beschreibung eines Lebens in der Mundart der Menschen aus Maramures. So kann man, sofern des Rumänischen mächtig, von Trunkenbolden, Schürzenjägern und zänkischen Schwiegermüttern lesen… Der Friedhof erzählt so auch einen Teil der Dorfgeschichte. Ungefähr 700 Holzkreuze stehen heute um die orthodoxe Kirche – alle im besonderen Blau von Sapânta.

Wir setzen unsere Reise fort und fühlen uns wie aus der Zeit gefallen, beim Anblick von im Fluss Wäsche waschenden Frauen, Ochsen, die Pflüge über den Acker ziehen und Männern, die mit der Sichel das Gras schneiden, um es später zu hohen Heuschobern aufzustapeln…

Jetzt biegen wir ab, um möglichst auf kleinen Bergstraßen, die Karpaten entlang zu fahren. Wir wollen die ursprünglichen und möglichst wenig touristisch geprägten Bergregionen erkunden, auch wenn wir oftmals nur im Schritttempo vorankommen. Ein Bauer, der mich irgendwie sehr an meinen Opas erinnert, der in seiner Jugend immer in der Landwirtschaft geholfen hat, wie ich mich aus seinen Erzählungen noch erinnern kann, als ich ein Kind war. Am Abend finden wir lange keinen geeigneten Lagerplatz. Als es schon dunkel wird, beschließen wir uns auf einer Wiese mitten in einer recht offenen Landschaft niederzulassen, da wir nirgends einen geschützteren Platz finden konnten.

Am nächsten Morgen kommen dann schon in aller Frühe zwei Bäuerinnen mit je einer Kuh im Schlepptau, die sie auf „unserer“ Zeltwiese zum Weiden anpflöckern wollen. Ganz von Deutschland gewohnt, rechnen wir natürlich damit, dass wir Ärger bekommen, weil wir hier zelten, aber genau das Gegenteil ist der Fall. Die beiden sind unglaublich freundlich, verständigen sich mit Händen und Füßen mit uns, beobachten, wie ich das Frühstück auf dem Benzinkocher zubereite und melken die Kühe, um meiner Tochter die Milch zu schenken… Anschließen graben sie noch frische Kartoffeln aus, ziehen ein paar Möhren und schenken sie uns – wir sind einfach nur überwältigt von so viel Gastfreundschaft. Etwas später werden sogar noch die beiden Enkelsöhne geholt, die im gleichen Alter wie meine Kinder sind, um sie uns vorzustellen…

Gegen Mittag fahren wir dann schließlich mit der Adresse einer Bäuerin weiter, um ihr die Fotos zu schicken, die wir von ihnen gemacht haben. Auf den anschließenden Kilometern wird unser Auto immer lauter und wir stellen fest, dass wir uns Verkleidung des Auspuffs am Boden auf den schlechten Straßen fast abgerissen haben. Wir steuern also die nächste Autowerkstatt an und nach einer halben Stunde, während ein Mechaniker (begleitet von den Blicken und klugen Ratschlägen fünfer anderer) mittels biegen, hämmern und schweißen, die Verkleidung wieder an ihren vorgesehenen Ort befestigt. So können wir dann auch bald wieder weiterziehen…

Im Rodna Gebirge dominieren nicht die wilden Felswände und Gipfelgrate, sondern die großen bis oben hin mit Gras bewachsenen Berge, auf denen die Wolken mit ihren dahinfliegenden Schatten eigenartige Formen malen und der Wind den Kamm wie ein grünes wildbewegendes Meer wogen lässt.

Diese Region hier ist eine Hirtendomäne, in welcher der Tourismus noch kaum Einzug gehalten hat. Allerorts prägen friedlich grasende Schafherden das Bild und wir genießen einen unglaublich schönen Lagerplatz mit berauschender Stille.

Am Abend nach dem Abendbrot laufen wir noch auf den nahegelegenen Hügel, um die Aussicht von dort oben zu genießen. Als wir auf dem Rückweg zum Zelt sind, kommen uns auf einmal zwei sehr eifrige Hirtenhunde wild bellend entgegen und wir machen uns innerlich schon auf eine Konfrontation gefasst, dann taucht jedoch  der Schäfer auf und pfeift sie zurück, bevor wir als Hundefutter enden… Der Schäfer spricht sogar ein paar Brocken Englisch und so können wir uns ein Wenig unterhalten. Er bietet uns auch seinen gerade  gesammelten Korb voller prächtiger Steinpilze an, aber wir lehnen dankend ab – sicher war dies sein Abendbrot.
Der nächste Tag beginnt wieder mit herrlichstem Sonnenschein, so dass wir beschließen, heute einmal nicht weiter zu ziehen, sondern noch einen Tag länger an diesem herrlichen Ort zu bleiben. Wir lassen nach dem Frühstück das Zelt einfach stehen und wollen zu Fuß ein Bisschen die Gegend erkunden… Josi kommt in die Kraxe. Sie wollte nie weit alleine laufen, auch heute ist das noch nicht anders… 😉

Als wir am Nachmittag wieder zu unserem Camp zurückkehren, ist gerade eine Herde Kühe dabei, unsere Zeltleinen und die zum Trocknen aufgehangenen Handtücher zu verspeisen. Am Abend gibt´s Würstchen und Knüppelbrot vom Lagerfeuer – einfach nur urig und gemütlich. Und dazu der Duft von brennendem Holz… herrlich!