Norwegen

~ Solotour im Rondane Nationalpark – Tag 2 ~

Datum:     Dienstag, 13.10.2009
Wetter:     -3 °C, sonnig

Gegen halb neun werde ich wieder munter. Norwegen, ich bin in Norwegen. Juhu! Schnell öffne ich mein Zelt und schlüpfe hinaus in die frische Morgenluft, um mich umzusehen. Kleine Schneereste hier und da künden von bereits vor einiger Zeit gefallenem Schnee.

Ich nehme meine Kamera und mache ein paar Fotos vom unter mir von hohen Bergen umrahmten Otta. Die Bergspitzen sind schon leicht weiß überzuckert. Unten im Tal schlängelt sich der Otta-Fluss als türkisfarbenes Band durchs Tal und das letzte bunte Herbstlaub bildet einen wunderschönen Kontrast dazu. Ich hoffe, dass ich auch oben im Nationalpark noch das eine oder andere bunte Herbstblatt zu Gesicht bekomme.

Überhaupt hoffe ich, dass es nicht gerade während ich hier bin, zu einem Wintereinbruch kommt. Ich kann nicht Skifahren und habe auch keine Schneeschuhe im Gepäck, kann mich also nur zu Fuß fortbewegen, was bei Schnee nicht besonders toll ist. Leider bin ich von meinen Urlaubszeiten durch die Kinder an die Herbstferien gebunden, die hier in Sachsen immer recht spät sind und kann nicht eher in den Norden aufbrechen. Also hoffe ich einfach, dass das Wetter die nächsten Tage stabil bleibt.

Nachdem ich die ersten Fotos auf den Chip gebannt habe, geht es nach einer Handvoll Studentenfutter und einem schönen großen Cappuccino ans Einpacken. Einige Male müssen die Sachen neu angeordnet werden, bis sich der Rucksack endlich schließen lässt. Die nächste Herausforderung ist das Aufsetzen. Das funktioniert nur, wenn ich den Packen irgendwo erhöht abstellen kann, um ihn mir aufs Knie zu ziehen und dann auf den Rücken zu wuchten. Als ich das geschafft hab, breche ich fast unter der Last zusammen und durch das ungewohnte Gewicht tun mir noch von gestern die Schultern weh. Gegen halb 11 kann es losgehen. Ich schleppe mich mühsam weiter die Straße bergan. Im Sommer fährt von Otta aus ein Bus hinauf nach Mysuseter, aber jetzt, kurz vorm Winter gibt es kein öffentliches Verkehrsmittel mehr. So muss ich die rund 15 km in den Nationalpark wohl per Pedes gehen.

Doch manchmal hat man einfach Glück (oder ich sah einfach zu mitleiderregend aus), denn einige Zeit später stoppt eines der wenigen Autos, die hinauffahren und ein älteres Pärchen fragt, ob sie mich mitnehmen können. Ich kann es kaum fassen. In Anbetracht der Strecke, die sich das Auto nun mit mir nach oben windet, hätte ich vermutlich bei meiner „Geschwindigkeit“ drei Tage gebraucht! Ich kann inzwischen mit meinen Fahrern ein paar Brocken meiner im Volkshochschulkurs erworbenen Norwegischkenntnisse anbringen und freue mich, dass ich sogar verstanden werde. Ein wenig mulmig wird mir dann allerdings auch recht schnell, als auf der Straße immer mehr vereiste Stellen auftauchen und schließlich die gesamte Landschaft um mich herum in ein strahlend weißes Winterkleid gehüllt ist.

Eine Viertelstunde nachdem ich noch im Herbst aufgesammelt wurde, stehe ich nun in 15 Zentimeter hohem Schnee mitten im glitzernden Winterwonderland! Das habe ich ehrlich gesagt nicht erwartet, zumal die Webcam aus Rondane zwei Tage vor meinem Abflug noch keinen Schnee gezeigt hat. Ich bete, dass ich die mir von meiner Freundin Ulli geliehenen Gamaschen nicht doch zuhause liegengelassen habe. Also stelle ich ein weiteres Mal den Inhalt meines Rucksackes auf den Kopf und finde sie glücklicherweise – ganz unten natürlich!

Die Sonne scheint vom strahlend blauen Himmel und auf einmal bin ich einfach nur noch glücklich, hier sein zu dürfen. Ich habe meine Kamera in einer Gürteltasche vor dem Bauch und beim Fotografieren entlang des Weges, vergesse ich fast den drückenden Rucksack. In der Sonne sind es angenehme 5 °C, aber wenn ich längere Zeit stehen bleibe, spüre ich dennoch deutlich, dass hier Winter ist.

Ich treffe zwei Norwegerinnen, die ebenfalls hier Urlaub machen und gerade von einem kleinen Spaziergang zurückkommen. Eine der beiden hat lange Zeit in Berlin gelebt und spricht sehr gut deutsch. So unterhalte ich mich ein Weilchen mit ihnen und bekomme so noch einige wertvolle Tipps mit auf den Weg. Vor allem bekomme ich einen schönen geschützten Platz für mein erstes Nachtlager etwas außerhalb von Mysuseter empfohlen. Windgeschützt in einer Mulde an einem kleinen Bach unweit der Store Ula gelegen, kann ich mein Zelt dann schon um 15.00 Uhr aufschlagen, aber die Tage sind kurz hier oben zu dieser Jahreszeit, die Sonne geht im Moment um 18.15 Uhr unter – zehn Tage später verabschiedet sie sich gleich nochmal eine halbe Stunde eher.

Da ich das schöne flache Licht des Abends zum fotografieren nutzen möchte, möchte ich mein Zelt immer schon am Nachmittag an einem schönen Platz aufgestellt haben, damit ich in Ruhe die letzten Strahlen ausnutzen kann und nicht noch in der Dunkelheit damit anfangen muss…

Nachdem das Zelt steht, greife ich mir meine Kameratasche samt Stativ und kann ohne den Rucksack nun unbeschwert in aller Ruhe entlang der Ula fotografieren gehen. Die Ula hat sich hier eine tiefe Schlucht in das Schiefergestein gegraben. Die erhofften, mit goldenem Herbstlaub behängten Fjellbirken sind inzwischen jedoch nahezu kahl, aber es ergeben sich auch so viele tolle Motive.

Landschaftlicher Höhepunkt ist allerdings ganz klar der Storulfossen. Rund 20 Meter stürzt die Ula hier über das plattige Felsgestein in die Tiefe und wirbelt dabei einiges an Gischt auf. Leider ist das Licht nun schon weg und so mache ich nur ein paar wenige Fotos.

Als ich schließlich wieder am Zelt ankomme, ist die Sonne bereits untergegangen und es wird empfindlich kalt. Schnell werfe ich in meinem Camp den Kocher an und mit einem dampfenden Topf Spaghetti Bolgnese in den Händen, wird im Zelt gegessen. Trotz der warmen Mahlzeit dauert es lange, bis mir endlich warm wird. Vor allem meine Oberschenkel und der Po sind durch die zu dünne Hose, die ich anhatte eiskalt. Ich hoffe, dass die zwei Daunenschlafsäcke, die ich mangels eines dickeren übereinander gezogen habe, halten mich halbwegs warm. Ein Bisschen Sorge habe ich deswegen schon, aber nach ungefähr einer Stunde Bibbern, wird mir endlich wieder etwas warm.

Als ich den Wecker für den nächsten Morgen stellen will, damit ich zum Sonnenaufgang um 08.00 Uhr bereits am Wasserfall bin, stelle ich fest, dass mein Handy sich aufgrund des schwachen Akkus in einem Programm aufgehangen hat. Ich setze den Reserve-Akku ein und stelle (dank der Kamerauhr) die Zeit neu ein.

Nachts muss ich nochmal raus und ein unglaublicher Sternenhimmel wölbt sich über mir. Ich husche jedoch ganz schnell wieder in die warmen Daunen, denn der Blick aufs Thermometer zeigt klirrend kalte -15 °C!!!

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