Norwegen

~ Solotour im Rondane Nationalpark – Tag 3 ~

Datum:     Mittwoch, 14.10.2009
Wetter:     -7 °C, sonnig

Als ich am Morgen aufstehen will, rieselt mir Reif ins Gesicht, das ganze Innenzelt und der Schlafsack sind mit kleinen, im Licht der Stirnlampe glitzernden Eiskristallen überzogen. Ich ziehe mir alle Sachen an, die ich mithabe und schlüpfe aus dem Zelt. Langsam beginnt der Tag zu dämmern und zartes Morgenrot überzieht den Himmel. Ich ärgere mich etwas über mich selbst, als ich feststelle, dass ich die ersten Fotos (aufgrund einer Spielerei am Wasserfall abends zuvor) alle mit ISO 1600 fotografiert habe – bei dem Rauschverhalten meiner Kamera ein maximal künstlerisch verwertbares Pixelbunt!

Zum Glück sind es jedoch nicht allzu viele Fotos, die so in den digitalen Datenmüll wandern müssen, bevor es mir auffällt. Als ich am Wasserfall ankomme, staune ich nicht schlecht, als sich dieser innerhalb der kalten Nacht in einen aus bizarren Zapfen und Wülsten bestehenden Eisfall verwandelt hat! Der kleinere der beiden Fälle ist fast gänzlich in seinem Eispanzer erstarrt.

Ich fotografiere, bis die ersten Sonnenstrahlen kräftig genug sind, um etwas zu wärmen und kehre wiederum ziemlich durchgefroren zu meinem Zelt zurück, um mir mein Frühstück zuzubereiten. Das Thermometer am Zelt zeigt trotz Sonne, die darauf scheint, – 8°C an und so freue mich vor allem auf einen heißen Becher Cappuccino. Aber als ich meinen Topf, den ich über Nacht zum Einweichen mit einem Stein beschwert in den Bach gestellt habe, holen will, stelle ich fest, dass das Wasser darin trotz umgebendem fließendem Wasser gefroren ist. Eigentlich klar, denn die Bewegung verhindert neben der Temperatur ja das Einfrieren. Ich klopfe das Eis an einem Stein heraus, was den Vorteil hat, dass mit dem Eisblock die Essensreste gleich mit entfernt werden.

Heißes Wasser ist dann schnell gemacht und endlich kann ich meine Hände wieder auftauen. Als ich den Müsliriegel essen will, der mein Frühstück darstellt, beiße ich mir daran fast die Zähne aus, so steinhart, wie dieser gefroren ist. Ich wusste gar nicht, dass sowas gefrieren kann und überlege ernsthaft, mir für weitere derartige Touren eine Zusatzversicherung für Zahnersatz zuzulegen! 😉 Und überhaupt, diese Kälte birgt noch weitere unerwartete Überraschungen. Die morgendliche Katzenwäsche vor dem Aufstehen zum Beispiel. Seit Jahren nutze ich auf meinen Campingtouren dazu Baby-Feuchttücher, wenn keine andere Möglichkeit, sich zu waschen besteht. Als ich diese am Morgen benutzen will, sind sie natürlich ebenfalls steinhart gefroren. Der Müsliriegel zum Frühstück kommt in Zukunft also in meine Hosentasche, während ich fotografieren gehe und die Feuchttücher gesellen sich ab sofort zu den Batterien für Kamera, Handy & Co in den Schlafsack. Zahncreme kommt in gefrorenem Zustand übrigens auch nicht aus der Tube. 😉 So werden die Gäste in meinem „Bett“ abends immer zahlreicher und als sich auch noch meine Schuhe dazugesellen, wird es langsam eng darin…

Als später dann das Zelt abgebaut ist und alles im Rucksack wieder seinen Platz gefunden hat, ist es bereits früher Nachmittag. Noch habe ich keine Routine, was das Packen anbelangt. Schlimm ist das jedoch auch nicht, denn ich habe alle Zeit der Welt und möchte heute nur bis zum Wasserfall weiter, um dort noch eine Nacht mein Lager aufzuschlagen. Unterwegs vergisst man beim Fotografieren im Winterwonderland sogar fast den schweren Rucksack auf dem Rücken.

Als ich oberhalb des Wasserfalls angekommen bin, schlage ich als erstes mein Lager auf. Eine kleine Senke sorgt für etwas Windschutz um mein Zelt und eine kleine „Bank“ aus Stein bietet sogar den Luxus, einmal nicht auf dem Boden im Schnee sitzen zu müssen.

Nachdem mein Camp dort eingerichtet ist, greife ich mir mein Fotozeugs und steige zum Fuß des Wasserfalls hinunter, wo sich eine neue endlose Motivvielfalt für mich bietet. Stundenlang kann ich so alles um mich herum vergessen und mache zahllose Fotos vom Wasser in all seinen Erscheinungsformen.

Als es unten in der Schlucht zu dunkel wird, steige ich wieder hinauf und genieße die stille, weite Natur um mich herum. Lediglich am Mittag kam eine Gruppe Jugendlicher hier vorbei, seitdem habe ich den Flecken am Ula-Fall ganz für mich alleine.

Leider bekomme ich aber auch kein einziges Tier zu Gesicht. Lediglich ein paar Spuren im Schnee künden vom heimlichen Leben um mich herum.

Das Licht ist durch den flachen Sonnenstand einfach herrlich und so fotografiere ich, bis die Sonne hinter dem Horizont verschwindet. Es ist eine wunderbare, stille Landschaft. Rau und abweisend zeigt sie sich und zugleich friedvoll und beruhigend. Ich bin in meinem Leben selten so zufrieden und ausgeglichen gewesen, wie in diesen Stunden, in denen es nur das Licht, die Berge und meine Kamera zu geben scheint. Während das Licht immer goldener wird, versuche ich diese Momente voller Stille mit meiner Kamera einzufangen, um so ein kleines Stück dieses Glücks mit nach Hause nehmen zu können.

Die Schatten werden immer länger und die untergehende Sonne taucht die Landschaft um mich herum in einen rosaroten Farbton, bis zuletzt nur noch die Gipfel der Berge aufglühen.

Doch die Kamera wird noch immer nicht weggelegt, auch die „Blaue Stunde“ hat ihren ganz eigenen Reiz und beim Betrachten dieser ruhigen, fast monochromen Fotos stelle ich immer wieder fest, dass es diese „leisen“ Bilder sind, die mich emotional am meisten berühren.

Mit einbrechender Dunkelheit bereite ich mir mein Abendbrot aus einer weiteren Fertig-Nudelpackung zu und lese in dicke Daunen gehüllt und mit Mütze, Handschuhen und Schal vermummt noch ein paar Zeilen in meinem Buch, bis mir so warm geworden ist, dass ich einschlafen kann. Nachts werde ich nochmal kurz munter, weil ich zu schwitzen beginne und ziehe mir eine Lage Kleidung aus.

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