Trekking im Rondane-Gebirge

~ Tag 3 ~

Datum: Montag, 17. Oktober 2011
Wetter: bedeckt, Nebel 2-5°C

Tageskilometer: 11,2 km + 11,4 km getrampt (Otta – Mysusæter – Rondvassbu)
Reine Gehzeit: 02:40:58
Durchschnittsgeschwindigkeit ohne Pausen:  4,3 km/h
Durchschnittsgeschwindigkeit mit Pausen:  3,2 km/h
Höhenmeter im An- & Abstieg: 401 m / 81 m
Minimale/Maximale Höhe: 282 m / 1.216 m

Unterkunft: DNT-Hütte Rondvassbu

Unser Wecker klingelt heute schon um 6 Uhr, aber ganz so schnell kommen wir dann doch nicht aus den Federn. Es ist etwas wärmer geworden über Nacht. Das Thermometer zeigt heute 5°C an und es ist zudem leider auch recht dicht bewölkt. Wir packen unsere Sachen heute mal ohne Frühstück zusammen und als wir wiederum zum Bahnhof marschieren beginnt es gerade zu dämmern. Wir kaufen beim Rema1000 noch ein letztes Mal ein: Brötchen fürs Frühstück und ein paar Vorräte für die Tour, wie Lachs, Fiskekaker, eine große Tafel meiner heißgeliebten Freia-Schokolade und zwei Packungen Polarbrød, das wir beide gern essen.

Am Bahnhof angekommen, breiten wir unser Zelt zum Trocknen aus und gehen dann zur Touristen-Information. Wir wollen dort die Mitgliedschaft im DNT beantragen, damit wir einen Schlüssel für die Selbstversorgerhütten im Gebirge bekommen, denn zu dieser Jahreszeit wird keine der Wanderhütten mehr bewirtschaftet. Grundsätzlich wollen wir zwar eher campen, aber nachdem wir im letzten Jahr auf den Lofoten während eines Sturmes innerhalb von Minuten unser Zelt verloren haben, wollen wir jetzt auf Nummer sicher gehen. In den abgelegen Bergen, ist so schnell nicht mit Hilfe zu rechnen, sollte uns hier etwas Ähnliches passieren.

So einfach wie gedacht, wird das Beantragen der Mitgliedschaft dann aber doch nicht. Grundsätzlich ist es hier schon möglich, den Schlüssel zu bekommen, aber die Bezahlung mit VISA funktioniert zurzeit ausgerechnet nicht und Barzahlung wird hier nicht akzeptiert, weil dies keine eigentliche DNT-Stelle ist. Es wird ein ziemliches Hin und Her, die Möglichkeiten abzuwägen, wo wir sonst noch an den Schlüssel gelangen würden. Wir könnten zum Beispiel nach Dombås fahren, aber das würde uns nochmal einen Tag Urlaub kosten. Oder aber den Schlüssel in einer der wenigen noch bewirtschafteten Hütten im Jotunheimen, der Gjendebu besorgen. Wir wollen diese Alternative fast schon wahrnehmen, als ein Busfahrer, der grad aus Jotunheimen herein gekommen ist, berichtet, dass dort oben im Gebirge in den letzten beiden Tagen schon so viel Schnee gefallen sei, dass bis Gjendesheim keine Busse mehr fahren würden. Demzufolge kommen wir wohl ohne Skier ebenfalls nicht mehr voran. Bleibt also doch nur Rondane, das in Jotunheimens „Schneeschatten“ und etwas niedriger gelegen, wohl noch nicht so viel Schnee hat. Aber dort gibt es derzeit keine bewirtschaftete Hütte mehr.

Letztlich hat Lasse, der Mann an der Info, dann doch Mitleid mit uns und überlässt uns den Schlüssel ohne vorher bezahlt zu haben, mit dem Versprechen unsererseits, dies sofern möglich in einer bewirtschafteten Hütte, oder spätestens von zu Hause aus nachzuholen. Erleichtert nehmen wir den Schlüssel in Empfang und können nun endlich starten. Zunächst holen wir jedoch erst einmal unser Frühstück nach und packen unsere Rucksäcke. Ein letzter Weg in Otta führt uns noch zum G-Sport, wo wir uns zwei Flaschen gereinigtes Kocherbenzin kaufen. Das Normalbenzin funktioniert zwar mit meinem Kocher auch, aber dieser verrußt beim Kochen dermaßen, dass es wohl nur eine Frage der Zeit ist, bis sich die Düsen zusetzen.

Kurz nach 11 Uhr sind wir dann startklar und können zu unserer Tour aufbrechen. Wir laufen zunächst einmal aus Otta hinaus auf den Rondanevegen, die Straße, die sich in einigen Serpentinen rund 1000 Höhenmeter hinauf ins Rondane-Gebirge windet. Da im Herbst jedoch kein Bus mehr hinauf nach Mysuseter fährt, wollen wir unser Glück versuchen und hinauf trampen. Und wir haben Glück. Wir werden schon kurze Zeit später von einem Lehrer mitgenommen.

So stehen wir schon zur Mittagszeit in Mysusæter, dem Tor zum Rondane-Nationalpark. Es liegt hier etwas Schnee, jedoch noch nicht so viel, wie vor zwei Jahren. Wenn jetzt nicht allzu viel Neuschnee dazu kommt, können wir sicher zu Fuß noch ganz gut vorankommen. Allerdings spürt man hier oben jetzt schon ganz deutlich, dass der Winter nicht mehr fern ist. Es ist um einige Grad kälter, als unten im Tal und es weht ein kräftiger, eiskalter Wind, so dass ich in meiner Fleecejacke fast erfriere, während wir beratschlagen, in welche Richtung wir uns wenden sollen. Die Entscheidung fällt recht schnell auf Rondvassbu, wohin ich es mir vor zwei Jahren auf meiner Solotour nach einem heftigen Wintersturm auf dem freien Fjell allein ja nicht getraut hatte. So laufen wir dann auch sofort los, damit uns durch die Bewegung wieder etwas wärmer wird.

Auf der gut befestigten Versorgungsstraße, die über die nächsten neun Kilometer zur Rondvassbu führt, kommen wir trotz der schweren Rucksäcke gut voran, zumal diese nur leicht ansteigt. Es ist stark bewölkt und die umgebenden hohen Berge verstecken sich vor unseren Blicken darin. So haben wir wenig von der sonst eigentlich herrlichen Aussicht über das weite Hochplateau, aber die tollen Farbschattierungen aus Moos, Rentierflechte, Weidenbüschen und Schneeflecken sind trotzdem schön anzuschauen. Eine erste kleine Pause legen wir bei Spranget ein. Lange rasten wir jedoch nicht, denn kaum bleiben wir stehen, wird uns eiskalt, vor allem, da es hier keinen Windschutz gibt.

Bald darauf sehen wir kaum noch die Hand vor Augen, so tief hängen die Wolken, durch die wir uns nun unserem Ziel Rondvassbu entgegen kämpfen. Nach und nach ziehen sich die Kilometer auch ob der nebelverhangenen Stimmung um uns herum, ganz schön in die Länge und durch die noch ungewohnt schwere Last auf unseren Rücken beginnen die Schultern bald zu schmerzen. Jeder in seine eigenen Gedanken versunken, schlurfen wir also dahin, umgeben von nicht viel mehr, als weißem Nebel und dem grauen Band des Weges zu unseren Füßen.

Als plötzlich wie aus dem Nichts vor mir ein schemenhafter Schatten aus dem Nebel auftaucht, erschrecke ich, so in Gedanken, wie ich gerade bin, wirklich einen Moment, bis mir klar wird, dass es sich nur um einen Troll handelt, der aus Steinen am Wegrand aufgeschichtet ist. Irgendwie mystisch dieses Erlebnis – wo könnte es besser passen, als hier mitten in dieser nebelverhangen, stillen Fjelllandschaft.

Je höher wir kommen, desto mehr Schnee liegt um uns herum und auch der Versorgungsweg ist inzwischen verschneit und stellenweise vereist. Trotz vorsichtig gesetzter Schritte rutscht Micha einmal aus, aber zum Glück passiert ihm nichts Ernsthaftes. Erst als wir gegen halb vier bereits am Rondvatnet entlang gehen, können wir die erste Hütte von Rondvassbu aus dem Nebel vor uns auftauchen sehen – glücklich, endlich angekommen zu sein.

Wir freuen uns jetzt nur noch auf einen angeheizten Ofen und ein weiches Bett. Aber als wir vor der kleinen Selbstversorgerhütte auf einer kleinen Anhöhe stehen, müssen wir entsetzt feststellen, dass sich das Schloss mit dem DNT-Schlüssel nicht öffnen lässt. Wir probieren es beide mehrfach, aber der Schlüssel lässt sich im Schloss einfach nicht drehen!

Wir stellen uns schon auf eine weitere Nacht im kalten Zelt ein, als ich einen Löffel vor der Hütte finde, mit dem ich noch einen letzten Versuch wagen will, das Schloss zu knacken. Und tatsächlich, der scheinbar eingefrorene Mechanismus lässt sich lösen und wir können die Tür zu unserem urigen Nachtlager doch noch öffnen.

Nachdem wir unsere Rucksäcke ausgepackt und die Schlafsäcke unters Dach auf unser Matratzenlager geschafft haben, gehen wir noch zu einer kleinen Fototour um die Hütte hinaus. In der kurzen Zeit, die wir jetzt draußen sind, zieht ein eisekalter Wind durch das Tal, treibt die tief hängenden Nebelbänke davon und lässt für einen kurzen Moment sogar einmal die Sonne durch die Wolkendecke brechen.

Lange halten wir es draußen jedoch nicht aus, meine Finger sind vom kurzen Fotografieren schon fast eingefroren und so sind wir dankbar über unser heutiges Domizil, in dem schon bald darauf der bollernde Ofen eine wohlige Wärme verbreitet. Unglaublich, wie viel Gemütlichkeit und Sicherheit so eine kleine Hütte im kalten Winterwind bietet.

Während sich draußen die Wolkendecke wieder schließt und der Wind um die Hütte braust, setzen wir den Teekessel mit Wasser auf den Gasherd und kochen uns eine Freia Solbær-Toddy, eine heiße Johannisbeer-Tasse aus der Vorratskammer der Hütte, die ich mir gemütlich am Ofen sitzend schmecken lasse. Als meine Finger soweit wieder aufgetaut sind, dass ich meinen Bleistift halten kann, schreibe ich ein paar Seiten in mein Tagebuch.

Zum Abendbrot gibt es dann eine Packung Gemüse-Reis mit Fiskekaker, die wir uns gemütlich bei Kerzenlicht schmecken lassen. Nach dem Abwasch spielen wir dann noch ein paar Runden Kniffel, bevor wir uns in unser gemütliches Nachtlager unters Dach zurückziehen.

Es ist inzwischen auch hier oben wohlig warm, nur durch die Belüftungsschlitze über unseren Köpfen zieht es inzwischen so stark, dass wir sie schließen müssen, um in Ruhe einschlafen zu können.

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