Trekking im Rondane-Gebirge

~ Tag 13 ~

Datum: Donnerstag, 27. Oktober 2011
Wetter: Nebel, 0 °C

Tageskilometer: 12,3 km + 13,8 km getrampt (Rondvassbu – Mysusæter – Otta)
Reine Gehzeit: 02:57:33
Durchschnittsgeschwindigkeit ohne Pausen: 4,3 km/h
Durchschnittsgeschwindigkeit mit Pausen: 3,7 km/h
Höhenmeter im An- & Abstieg: 94 m / 425 m
Minimale/Maximale Höhe: 285 m / 1216 m

Unterkunft: Zelt

Ich habe die Nacht über kaum geschlafen. Die ganze Zeit gingen mir irgendwelche Horrorszenarien durch den Kopf, wie wir hier in der Rondvassbu eingeschneit werden oder auf dem Rückweg in einen Schneesturm geraten und nicht mehr rechtzeitig zu unserem Zug gelangen. Kein Wunder – der Wind pfeift und heult nur so um unsere Hütte. Gegen Morgen, bin ich dann wohl doch endlich eingeschlafen und werde schweißgebadet munter als der Wecker klingelt.

Gleich nach dem Aufstehen werfe ich einen Blick nach draußen: Es schneit noch immer, aber es ist nicht so schlimm, wie ich es mir in der Nacht ausgemalt hatte. Etwa zehn Zentimeter Neuschnee sind über Nacht gefallen. Noch nicht zu viel, um dass wir zu Fuß sehr eingeschränkt werden, aber genug, um den Entschluss zu treffen, schon heute unseren Rückweg anzutreten. Unser Zug fährt zwar erst übermorgen früh ab Otta, aber wer schon einmal versucht hat, ein paar Kilometer mit Rucksack durch knietiefen Schnee zu stapfen, der weiß, dass wir dieses Risiko nicht eingehen wollen. Schließlich sind es bis Mysusæter zehn Kilometer und falls uns vor dort aus niemand nach Otta mitnimmt, noch einmal 15 Kilometer mehr. Das ist an einem Tag mit eventuell noch wesentlich höherem Schnee für uns nicht zu machen.

Zum Frühstück wärmen wir uns unser letztes Polarbrød in einer Pfanne auf dem Gasherd auf. Der Ofen bleibt heute kalt. Da wir nach dem Frühstück aufbrechen wollen, lohnt sich das Anheizen nicht mehr. Danach bringen wir noch die Hütte in Ordnung und schaffen die Asche raus, bevor wir ziemlich genau um 8 Uhr der Rondvassbu den Rücken kehren. Es ist noch ziemlich dämmerig draußen und die Temperatur liegt um den Gefrierpunkt herum. Im Moment schneit es nicht mehr, aber dennoch kann man schon nach ein paar Schritten am Rondvatnet entlang, die Hütten fast nicht mehr sehen, so tief hängen die Wolken und überziehen uns mit einem feinen Nieselregen.

Wir ziehen los durch eine dämmrige Welt ohne jegliche Konturen in der Ferne. Der Horizont verschmilzt mit dem Schnee am Boden zu einem diffusen graublauen Nichts. Mit der Zeit wird es langsam heller, aber es bleibt eine stille und merkwürdig abweisende, zwielichtige Landschaft um uns herum.

Der lockere Neuschnee ist durch den Wind meist von der Straße verweht, nur an manchen Stellen liegt er etwas höher. Wir können also ganz gut darauf laufen. Allerdings bedeckt er oft auch die vereisten Stellen und so rutsche ich auch prompt einmal weg und falle auf die Seite. Zum Glück ist jedoch nichts Schlimmeres dabei passiert, als eine in den nächsten Tagen blau verzierte Schulter.

Wir stapfen auch heute wieder ziemlich schweigend durch diese monotone Winterwelt, die über Nacht all ihre Farben verloren hat. Zwei Tage zuvor umgab uns hier ein bunter Flickenteppich aus Gräsern, Sträuchern und Moosen. Heute ist alles nur noch schwarzweiß. Irgendwann heben sich wenigstens die Wolken etwas und der eklige Nieselregen lässt nach. Als kleines Highlight sehen wir unterwegs auch noch ein paar Schneehühner und ich entdecke ganz in der Nähe einen kleinen weißen Hermelin, der durch den Schnee springt. Ich will ihn fotografieren, aber ich komme mit nicht gleich mit Michas Kamera klar, und so huscht er leider ohne ein Foto davon.

Bald schon erreichen wir den Wanderparkplatz Spranget. Hier müssen wir uns entscheiden, wo wir den heutigen Tag verbringen wollen. Zuerst dachte ich, wir könnten vielleicht noch eine Nacht am Storulfossen bleiben, aber irgendwie sieht es nicht so aus, als ob sich das Wetter heute noch bessern würde. Micha hat auch keine große Lust dazu und da ich ohnehin kaum noch fotografieren kann, gewinnt nun die verlockende Bahnhofshalle in Otta, in der wir es warm und trocken haben könnten. Also behalte ich den Wasserfall, so wie ich ihn 2009 bei strahlendem Sonnenschein erlebt habe, in Erinnerung und wir lassen ihn für diese Reise links liegen. Es geht also weiter hinab nach Mysusæter, zurück in die Zivilisation.

In Mysusæter selbst, laufen wir noch bis zum Rondane Spa Hotel, wo wir unsere Rucksäcke an den Straßenrand stellen und sehen, ob uns noch jemand mit hinab nach Otta nimmt. Während wir dort stehen, fängt es immer stärker an zu regnen und so hoffen wir nur, dass wir nicht allzu lange warten müssen, denn es gibt nirgends weit und breit einen Unterstand an der Straße. Und wieder einmal haben wir Glück. Zirka eine Stunde später kommt genau gegenüber eine ältere Frau von ihrem Grundstück, die nach Otta zum Einkaufen fahren will. So stehen wir letztlich schon am frühen Nachmittag am Bahnhof – völlig unnötig erscheint mir jetzt meine ganze Sorge die letzte Nacht.

In der Wartehalle gibt es erst einmal eine kleine Wäsche und frische Anziehsachen – ein herrliches Gefühl! Als ich mich in der kleinen Toilette so im Spiegel betrachte, stelle ich fest, dass ich trotz ausreichender Verpflegung, wohl doch ein paar Kilos in den letzten beiden Wochen verloren haben muss. Also diese „Urlaubs-Diät“ kann ich nur jedem nur wärmstens empfehlen, der ein paar Pfunde loswerden will. 😉 Danach kochen wir uns draußen Wasser auf und genießen im Warmen einen Becher Cappuccino und dazu Trockenobst und Schokolade, um die Energiereserven wieder aufzufüllen.

Am Nachmittag lassen wir dann die Rucksäcke im Bahnhof stehen und begeben uns noch auf einen kleinen Stadtbummel. Allerdings haben wir nach anderthalb Stunden schon alle Geschäfte abgeklappert – viel gibt es hier wirklich nicht zu sehen. Der Rest des Nachmittags vergeht dann mit Lesen, Würfelspielen und Langeweile. Das Abendbrot, bestehend aus Tomatenreis und den letzten Fiskebollern, bereiten wir uns auch noch hier am Bahnhof zu. So können wir in der Toilette dann auch das Geschirr ordentlich spülen. Gegen halb neun laufen wir schließlich zu unserem altbekannten Schlafplatz auf der Halbinsel und können zum Glück unser Zelt komplett aufbauen, bevor es wie aus Kannen zu regnen beginnt.

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