Norwegen

~ Solotour im Rondane Nationalpark – Tag 4 ~

Datum:     Donnerstag, 15.10.2009
Wetter:     -4 bis 2 °C, zunächst sonnig, später bedeckt

Es spürbar wärmer geworden, als ich am Morgen zum Sonnenaufgang das Zelt verlasse. Ich kann also fotografieren, ohne dass Erfrierungen an den Fingern befürchten muss und das genieße ich wieder ausgiebig. Der Wandel des Lichts, das von der blauen Stunde, die hier oben im Winter besonders langsam ins erste Morgenrot übergeht, ist immer wieder aufs Neue faszinierend.

Als das Licht langsam zu hart zum Fotografieren wird gehe ich mir an einem kleinen Bach den Wasserbeutel für meinen heißen Kakao füllen und genieße dann mein Frühstück, das wieder einmal nur aus einer Handvoll Studentenfutter besteht, bei unglaublichen 10°C in der Sonne. Ich hole mir tatsächlich sogar einen Sonnenbrand im Gesicht! Am nördlichen Horizont zeigt sich jedoch ein Wolkenband, das bis zum Mittag die Sonne verdeckt.

Als es schließlich gänzlich zugezogen ist, habe ich auch meine Sachen verpackt und laufe den kleinen Trampelpfad entlang der Ula immer weiter in Richtung Spranget. Trotz des nicht mehr ganz so tollen Lichts, gibt es viele faszinierende Motive am Wegrand, wie die skurril geformten Zwergweiden, natürlich die Ula selbst und die sie umgebende Bergwelt. Ich schaue eine zeitlang dem geschäftigen Treiben der Wasseramseln zu und komme auch heute wieder nur im Schneckentempo voran. Auf dem kleinen Wanderweg ist vor mir seit dem Schneefall nur ein Mensch unterwegs gewesen, wovon die einsame Fußspur zeugt. Die Sommersaison ist längst vorüber und die Skifahrer erobern das Gebiet erst in den kommenden Monaten wieder, wenn die Schneedecke dicht genug ist. Nur vereinzelt streifen jetzt noch Jäger durchs Gebirge und verirrte, verrückte Touristinnen aus Deutschland… Dennoch fühle ich mich nicht einsam – ich genieße diese Zeit einfach nur – ohne den alltäglichen Trouble zuhause. Ich komme etwas zur Ruhe, sortiere meine Gedanken, spinne verrückte Ideen und sammle so Kraft für die kommende Prüfungszeit…

Immer wieder gibt es auf dem Pfad sumpfige Stellen, wo kleinere Bäche und andere Rinnsale in die Ula münden, aber ich finde zum Glück immer wieder eine Möglichkeit trockenen Fußes hinüber zu kommen. Dennoch ist das Laufen ziemlich anstrengend, da sich der Weg unter dem Schnee oft nur erahnen lässt. Der schwere Rucksack trägt natürlich auch noch das seinige dazu bei. Und es kommt, wie es kommen musste, ich stolpere über eine verborgene Wurzel und lande wie ein Maikäfer mit Händen und Füßen von mir gestreckt auf dem Rücken. Bis ich mich aus dieser misslichen Lage wieder befreit habe, dauert es so seine Zeit, nicht zuletzt deshalb, weil ich mich vor Lachen kaum aus der Umklammerung meines Rucksackes befreien kann. Nun stehe ich zwar wieder befreit auf zwei Beinen, allerdings weiß ich nicht, wie ich hier, so ganz ohne einen Stein oder ähnliches, auf den ich mein Bein zum Aufsetzen des Rucksackes stellen kann, diesen Koloss wieder auf meinen Rücken bekommen soll. Mit enormer Kraftanstrengung wuchte ich ihn dann aber doch hinauf (wobei es mich durch den Schwung gleich fast wieder in den Schnee wirft).

Bei Spranget bildet die Ula noch einmal eine kleine Schlucht, durch die sich tosend die Wassermassen ihren Weg bahnen. Eine kleine Brücke führt hier hinüber, tiefer in den Nationalpark hinein in Richtung Rondvassbu, wohin ich morgen laufen möchte. Doch zunächst beschließe ich mir für heute hier ein Plätzchen fürs Zelt zu suchen.

Ich schlage dann auch nicht weit entfernt mein Zelt auf. Die kleine Mulde, die ich mir dafür suche, bietet nur wenig Windschutz, aber ich stelle die Längsseite in Windrichtung und bin froh, dass sich kaum ein nennenswertes Lüftchen regt. Die eigentlich doch recht deutlichen Anzeichen, dass sich dies bald ändern soll, vermag ich nicht zu lesen und erfreue mich derweil einfach nur an dem grandiosen Bergpanorama, das mich umgibt. Weit reicht der Blick über das karge Fjell zu den durch längst vergangene Gletschertätigkeit rundgeschliffenen Gipfeln des Storronden, Rondslottet, Smiukampen und wie sie alle heißen…

Auch jetzt gegen Abend ist es im Vergleich zu den letzten Tagen noch sehr warm und so kann ich, nachdem das letzte Abendlicht auf Chip gebannt ist, ohne Eile mein Abendbrot zubereiten. Wie immer besteht dieses nur aus einer Packung Tütennudeln. Aber da ich nach dem kärglichen Frühstück nur ein paar Schokobonbons „zugeteilt“ bekommen habe, ist das ein fast königliches Menü für mich…

Nach dem Essen schlafe ich recht bald ein, bis mich das heftige Flattern der Zeltwände im Wind wieder weckt. Die Böen werden immer heftiger und es fängt an zu regnen. Ein Blick auf die Uhr zeigt gerade mal 23.00 Uhr – es bleiben also noch 8 Stunden, bis die Nacht vorbei ist. Ich bekomme es langsam mit der Angst zu tun, als ich feststelle, dass der Wind auch noch gedreht hat und mein Zelt sich nun mit der Breitseite dem Sturm entgegenstellt. Zudem ist mein kleines Micra alles andere, als ein sturmstabiles Expeditionszelt.

Als ich einige Zeit später noch einmal nach draußen will, um die Abspannungen zu kontrollieren, muss ich auch noch mit Entsetzen feststellen, dass mein gesamtes Vorzelt, wo ich am Abend den Schnee festgetreten hatte, durch die rasant angestiegenen Temperaturen unter Wasser steht – und damit kurz davor, sich ins Zeltinnere zu ergießen. Ich verstaue meinen Rucksack in der Apsis erst einmal in einem großen Müllbeutel. Dann ziehe ich die Socken aus und steige – nur mit Crocs an den nackten Füßen – ins Eiswasser. Meine Versuche, einen Entwässerungsgraben um mein Zelt zu ziehen, sind in der Mulde, wo das Zelt steht, nur von kärglichem Erfolg gekrönt, aber zumindest kann ich verhindern, dass das Wasser ins Innenzelt überläuft.

Wieder im Schlafsack, wärme ich meine Eisfüße und Hände wieder auf, bekomme aber kein Auge mehr zu. Immer wieder schütteln heftige Böen das Zelt. Nur indem ich mich gegen die Breitseite lehne, kann ich verhindern, dass es völlig flachgerückt wird. An Schlaf ist den Rest der Nacht nicht mehr zu denken – ich habe einfach nur noch Angst, dass ich meine schützende Außenhülle verliere und dann schutzlos den Elementen ausgeliefert bin. In meinem Kopf löst ein schlimmes Szenario das nächste ab…

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