Trampend von Tromsø auf die Lofoten

~ Tag 07 ~

Datum: Donnerstag, 07.10.2010
Wetter: Regen, Sturm, 11 °C

Strecke: Hamnøya – Reine  (~ 2 km)
Unterkunft: Rorbu

Die ganze Nacht hindurch hat es ununterbrochen wie aus Kübeln geregnet und auch der Wind hat nochmal zugelegt. Ich bin in „Pullerstreik“ getreten und war die ganze Nacht hindurch nicht draußen, obwohl ich schon vor dem Einschlafen abends eigentlich „mal für kleine Mädchen“ musste. Irgendwann am Morgen halte ich es dann nicht mehr aus und schlüpfe nur mit Slip bekleidet aus dem Zelt in den Regen… Also in solchen Momenten sehnt man sich wahrhaftig nach Pauschalurlaub im Hotel!

Gegen sieben fängt es an zu stürmen, aber unser schützendes Zelt steht bombenfest und so nutzen wir eine kurze Regenpause zum Fotografieren. Obwohl es eigentlich mit 11 °C nicht so kalt ist, erfriere ich durch den Sturm fast dabei.

Während ich trotz der Kälte das faszinierende Schauspiel der tosenden Brandung fotografiere, kontrolliert Micha noch einmal die Sturmleinen und Häringe an unserem Zelt, bevor er den Kocher in Gang setzt und Wasser für´s Frühstück aufsetzt.

Ich bin gebannt von diesem Naturschauspiel, der Kraft des aufwühlten Ozeans, den an die Küste tosenden Wellen und der aufpeitschenden Gischt, zumal ich stürmische Tage, an denen man die Elemente besonders spüren kann, schon immer mag. Dabei vergesse ich auch fast die inzwischen fast tauben Hände und die Gänsehaut am Körper. Micha warnt mich gerade noch, vor der nächsten Regenfront, die rasend schnell heranzieht und die ich beim Blick durch den Sucher gar nicht so richtig wahrnehme. Ich mache noch schnell ein paar letzte Fotos und husche dann gerade noch rechtzeitig, bevor die ersten Regentropfen auf´s Zeltdach prasseln unser schützendes kleines Domizil.

Nun sitzen wir gegen 09.00 Uhr in die warmen Schlafsäcke gehüllt im Zelt und wärmen uns mit einem heißen Becher Cappuchino beim Frühstück wieder auf. Danach holen wir den Würfelbecher heraus und vertreiben uns die Zeit beim Knobeln.

Der Wind wird immer heftiger und mausert sich so langsam zum ausgewachsenen Sturm, der das Meer in Wallung bringt und die tosende Brandung gegen die Felsküste treibt. Durch den Sendemast, der in der Nähe unseres Zeltes mit Drahtseilen abgespannt ist, hört es sich draußen an, als ob wir unser Zelt auf einem Flugplatz neben den startenden Maschinen aufgestellt haben. Unser Zelt flattert noch dazu fast ohrenbetäubend laut, aber so richtig Sorgen machen wir uns noch nicht. Es ist ein gutes Hilleberg-Zelt und sollte diesem Wetter eigentlich standhalten.

Wir drehen gegen 11 Uhr zwei kurze Videos mit Handy und Kamera, mit deenwir uns im sturmumtosten Zelt als Erinnerung festhalten wollen. Trotz der nicht soo tollen Qualität bekommt man damit einen ganz guten Eindruck von den uns umtosenden Elementen.

Kurz nachdem diese Videos entstanden sind, nimmt der Sturm in unfassbarer Geschwindigkeit derart rasant an Stärke zu, dass unser Zelt mit einem Mal fast plattgedrückt wird. Mit ungeheurer Wucht drischt der Wind so plötzlich gegen die dünnen Zeltwände, dass wir kaum reagieren können. Mit aller Kraft versuchen wir unsere Körper gegen die Zeltwände zu stemmen, um zu verhindern, dass das Gestänge unter der ungeheuren Wucht bricht, mit der der Sturm unserer Behausung entgegenstürmt. Was gerade noch als abenteuerlich empfunden wurde, wird plötzlich zur lebensbedrohlichen Situation – wir haben nur noch Angst, mitsamt unserem Zelt ins Meer geweht zu werden.

Und dann geht es rasend schnell. Es knallt plötzlich und wir sehen einen winzigen Riss in der Außenwand, der sich schnell vergrößert. Panisch stopfe ich unsere Schlafsäcke in die Packsäcke, damit wenigstens diese trocken bleiben, während Micha vergeblich versucht, ein weiteres Einreißen des Außenzeltes zu verhindern. Ich stopfe alles, was ich an Sachen zu fassen kriege in die Rucksäcke, während in Minutenschnelle die gesamte Zeltwand einreißt. Es bleibt keine Zeit, sich irgendetwas über unsere Schlafsachen zu ziehen, außer der Regenjacke. So schnell wir es nur irgend schaffen, bauen wir nun unser zerfetztes Zelt ab. Wir müssen uns dabei darauf setzen, um den Rest nicht auch noch komplett an den Sturm zu verlieren, der es uns mit aller Gewalt aus den Händen reißen will, so wie diverse andere Kleinigkeiten, die wir in der Eile nicht sicher mit Steinen beschweren konnten. Wir torkeln im Sturm mit den unhandlichen Packsäcken und dem Rest unseres Gepäcks an eine halbwegs sturmgeschützte Stelle hinter einem Felsen, wo wir nun schlotternd vor Angst und Kälte in klitschnassen, bleischweren Fleecehosen im strömenden Regen…

Nachdem wir uns etwas beruhigt haben, wird uns erst bewusst, was wir trotz allem noch für ein Glück haben, hier in der Nähe einer Ortschaft zu sein. Nicht auszudenken, wären wir in dieser Situation wirklich irgendwo in der Wildnis gewesen. Hier können wir zumindest auf Hilfe hoffen und so läuft Micha zunächst zu einem nahe gelegenen Haus, um nach einem trockenen Plätzchen für uns zu fragen, wo wir uns in Ruhe überlegen können, wie es nun weitergehen soll. Dort ist jedoch niemand zuhause, aber als er zurück zu mir kommen will, hält ein Mann in einem roten VW-Transporter mit dem er uns nach Reine zu Bekannten bringt, die eine Rorbu vermieten, die jetzt außerhalb der Saison leer steht.

Es ist ein niedliches kleines Fischerhäuschen mit blauen Türen, einem winzigen Schlafraum, einem ofenbeheizten Wohnzimmer und einer kleinen Küche. Die Übernachtung soll 500 NOK (~ 60 €) kosten, verdammt viel Geld für mein knappes Budget, aber das ist im Moment nebensächlich. Da wir so viel Geld nicht mehr bei uns haben, hängen wir nur kurz unsere Sachen zum Trocknen und machen uns dann auf zum Coop, der ganz in der Nähe liegt, um Geld abzuheben.

Leider gibt es am Coop jedoch keinen Geldautomaten und so trampen wir die drei Kilometer um den Reinevågen herum zur Statoil-Tankstelle, an der es eine „Minibank“ geben soll. Hier heben wir 1400 NOK ab und kaufen in der Tankstelle eine große Rolle Duct-Tape, mit der wir hoffen, unser Zelt notdürftig flicken zu können, denn wir haben noch 8 Tage bis zu unserem Rückflug und so lange können wir uns feste Unterkünfte nicht leisten.

Auf dem Weg zurück, nimmt uns der gleiche Fahrer, der uns schon hierher gefahren hat, wieder bis zum Coop mit, wo er Verkäufer ist, was wir erst feststellen, als wir mit Brötchen, Kuchenteilchen, Nähgarn und Frustschokolade bepackt an seiner Kasse stehen.

Nachdem wir alles in unsere Hütte gebracht haben, nehmen wir unsere Fototaschen, und gehen nochmal raus, da es fast aufgehört hat zu regnen. Wir steigen mühsam über Moospolstern und Grasbüschel wankend auf eine steile Anhöhe, die uns jedoch mit einem tollen Blick in den Kjerk- und den Vorfjorden belohnt. Dort oben werden wir vom Sturm noch immer fast von den Füßen geweht. Zwischenzeitlich regnet es wieder so heftig, dass wir schon beschließen umzukehren, aber keine zehn Minuten später ist es wieder trocken – genau wir auch bald wir, denn der Wind lässt unsere Regensachen in Rekordzeit trocknen.

Da es nun scheinbar gänzlich aufgehört hat zu regnen, laufen wir noch einmal vor bis auf Hamnøy am Reinefjorden entlang und können bis zum Abend sogar noch einige schöne Lichtstimmungen fotografieren.

Als es zu dunkel zum Fotografieren wird, gehen wir zuück nach Reine und freuen uns auf unsere kleine Hütte und sind dankbar, dass dieser Tag letztlich doch noch so glimpflich für uns ausgegangen ist und wir jetzt eine warme und behagliche Zuflucht für uns haben.

Nachdem wir in unserer Hütte angekommen sind, nutzen wir den frühen Abend, um uns zu duschen Kuchen zu essen, ein paar unserer Sachen zu waschen und Tagebuch zu schreiben. Zum Abendbrot kochen wir uns Spaghetti Bolognese und es gibt heute sogar noch einen Becher Rote Grütze zum Nachtisch – lecker.

Als wir später noch einmal am Haus unseres Vermieters klingeln, um unsere Unterkunft zu bezahlen, sagt uns dessen Mutter, die uns öffnet, dass wir hier gratis wohnen und so lange bleiben dürfen, wie wir wollen. Wir sehen sie ungläubig an und bedanken uns fassunglos. Es gibt wirklich noch nette Menschen auf der Welt.

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