Norwegen

~ Solotour im Rondane Nationalpark – Tag 11 ~


Datum:     Donnerstag, 22.10.2009
Wetter:     2 °C, bedeckt, Nieselregen



Ich stehe am Morgen sehr zeitig auf und packe im Dunklen mein Zelt zusammen. Im Licht der Stirnlampe laufe ich dann von meinem Schlafplatz auf der Insel durch eine kleine Siedlung zurück in Richtung Bahnhof. Eine eigenartige, fast weihnachtliche Stimmung kommt in mir auf, als ich durch den stille und klaren, frostigen Morgen laufe. In manchen der kleinen bunten Holzhäuschen brennt schon Licht und sie strahlen warme und heimelige Gemütlichkeit aus…

Am Bahnhof warte ich noch eine halbe Stunde, bis mein Zug gen Süden pünktlich abfährt. Der Fluss Lågen, an dem entlang sich die Bahn durchs Gudbrandsdalen bewegt hat trotz des inzwischen bedeckten Himmels eine unglaublich türkise Farbe. Je weiter ich so nach Süden gelange, desto herbstlicher ist es noch. Ich genieße diese schöne Zugfahrt – nur schade, dass sie nur so kurz währt…

Gegen halb 3 komme ich dann auch schon in dem kleinen Örtchen Rygge an. Inzwischen hat leichter Nieselregen eingesetzt und so gestaltet sich die Schlafplatzsuche besonders unangenehm. Stundenlang kann ich keinen geeigneten Platz finden, wo ich halbwegs vor den Blicken der Einwohner mein Zelt aufstellen kann. Der Rucksack wird immer schwerer und ich weiß bald nicht mehr, wohin ich noch gehen soll, denn allzu weit kann ich auch nicht aus Rygge hinaus – fährt doch mein Shuttlebus zum Flughafen am nächsten Morgen schon um 06.05 Uhr ab… Als es schon fast zu dämmern beginnt, werde ich endlich in einem kleinen Pappelwäldchen hinter dem Sportplatz fündig. Schnell steht dann auch meine schützende Hülle und ich kann dem Nieselregen, der die ganze Nacht hindurch fällt, in meinem warmen Schlafsack trotzen.

Norwegen

~ Solotour im Rondane Nationalpark – Tag 10 ~


Datum:     Mittwoch, 21.10.2009
Wetter:     0 °C, teilweise bedeckt



Eigentlich könnte ich meinen vorletzten Urlaubstag noch hier, etwas oberhalb von Otta bleiben, da mein Zug nach Oslo zurück erst am Donnerstag fährt, aber ich habe kaum noch Wasser und nichts mehr zu essen. Der letzte Rest Wasser ergibt einen kleinen Kakao – mein karges Frühstück heute Morgen.

Also packe ich mit knurrendem Magen zusammen und laufe die letzten Kilometer nach Otta hinab – schnurstraks in den nächstgelegenen Supermarkt hinein! Hier muss mich beim Anblick all der Leckereien in den Regalen sehr zurückhalten, um nicht den halben Laden leer zu kaufen. Bepackt mit einem großen Beutel frischer Lebensmittel setze ich mich in einen kleinen Park in die Sonne. Der Biss in ein dick mit Räucherlachs belegtes Brötchen ist einfach göttlich!

Am Bahnhof erkundige ich mich dann noch nach der Zugverbindung nach Lillehammer am nächsten Morgen. Der Bahnhof hat sogar einen Nachtwarteraum, aber irgendwie möchte ich dort nicht bleiben, zumal dieser erst um 22 Uhr öffnet. Also mache ich mich auf die Suche nach einem Platz für die Nacht und lande auf einer kleinen Halbinsel mitten im Fluss. Hier auf der Wiese mäht gerade ein Bauer das Gras, der meine Frage, ob ich hier mein Zelt aufschlagen darf, gleich freundlich bejaht. So steht meine kleine Unterkunft bereits am späten Nachmittag und ich habe genügend Muße, den Tag gemütlich mit einem leckeren frischen Abendbrot ausklingen zu lassen…

Norwegen

~ Solotour im Rondane Nationalpark – Tag 7 ~


Datum:     Sonntag, 18.10.2009
Wetter:     -2 °C, sonnig



Heute gehe ich zum ersten Mal nicht bei Sonnenaufgang hinaus zum Fotografieren. In das enge Tal der Ula kommt dazu zu wenig Licht. Zum Frühstück gegen 9 Uhr gibt´s wieder einen dampfend heißen Cappuchino und Studentenfutter. Ich beschließe, bei der nächsten Wintertour komplett auf Müsliriegel zu verzichten und stattdessen mehr Trockenobst und Nüsse mitzunehmen. Beides schmeckt bei der Kälte einfach besser und ist dann auch nicht so hart gefroren, wie die Riegel.

Nach dem Frühstück bekomme ich heute zusätzlich noch ein paar Vitamine in Form von „Tiefkühl-Beeren“ und ich mache auch gleich noch ein paar Aufnahmen davon. Es ist schon irgendwie eigenartig, diese Beeren direkt neben den Schneeflecken zu pflücken.

Zusammengepackt sind meine Sachen dann recht schnell und mein heutiges (mutiges) Ziel steht auch bereits fest: Ich brauche unbedingt eine heiße Dusche! Ich stinke sicher wie ein Elch! Zum Glück riecht man sich ja nicht selber! Aber so langsam ist´s nimmer schön…. 😉

Der Weg nach Mysuseter hinein zieht sich eine ganze Weile hin und die Straße ist auch wieder ziemlich glatt. Die Fjellstue hat ihre Pforten, wie vermutet, schon für die Saison geschlossen, so bleibt nur das Rondane Spa Hotel. Ziemlich nobel kommt es daher, aber ich bin dennoch so verwegen und erkundige mich erstmal nach dem Preis für eine der Hütten, die hier ebenfalls vermietet werden. 800 Kronen die Nacht sind natürlich unerschwinglich für mich und so frage ich, ob es denn möglich wäre, dennoch eine heiße Dusche zu nehmen. Diese bekomme ich dann sogar kostenlos, vermutlich einzig und allein deshalb, weil die nette Dame am Empfang, meinem abgerissenen Zustand zufolge, sah, wie nötig diese war.

Der Duschraum im Keller des Hotels ist ziemlich schick und es duftet darin – auch aufgrund der Sauna, die sich ebenfalls hier befindet. Als ich mich dann im Spiegel betrachte, erschrecke ich mich fast vor mir selbst. Das ganze Gesicht ist verbrannt, faltig und die Augen blutunterlaufen. Ich brauche für die nächste Tour definitiv eine Sonnenbrille. Daran kann nun auch die Dusche nichts mehr ändern, aber zumindest an meinem körperlichen und seelischen Wohlbefinden vollbringt das heiße Wasser wahre Wunder. Die frische lange Unterwäsche und die sauberen Socken sind eine weitere Wohltat fürs Gemüt. Ich kann dann sogar noch bis 17.00 Uhr, als der Empfangsbereich geschlossen wird, in der gemütlich warmen Hotellobby sitzen und lesen, während ich meine Kamera-Akkus ans Stromnetz hänge.

Als ich mich wieder hinaus „in die Wildnis“ begebe, wird es bald dunkel, und ich laufe zurück zur Ula, allerdings dann etwas weiter flussabwärts. Weit komme ich nicht mehr und schlage heute mein Zelt ob der vorangeschrittenen Stunde auf dem Vorplatz einer Hütte auf, die aber zu dieser Jahreszeit sowieso einsam und verlassen steht. Die schneefreie überdachte Veranda kann ich gut zum Kochen nutzen und dann heißt es, eine weitere lange Nacht im Zelt zu verbringen. Als ich die Nacht nochmal hinaus muss, ist der Himmel über mir sternenklar. Ich hoffe immer noch, zum ersten Mal in meinem Leben, das Nordlicht zu sehen, aber leider vergeblich…

Norwegen

~ Solotour im Rondane Nationalpark – Tag 6 ~


Datum:     Samstag, 17.10.2009
Wetter:     -5 °C, sonnig



Halbzeit! Als ich wie immer mit der Morgendämmerung aus den Daunen steige, hat sich der Sturm endlich gelegt. Es ist nur noch etwas windig und ein zartes Morgenrot kündigt einen schönen Tag an. Pastellfarben geht die blaue Stunde in den Tag über und so vergehen die nächsten anderthalb Stunden mit fotografieren…

So schön die Bergwelt hier auch ist, nun habe ich sie oft genug fotografiert. Ich stelle fest, dass ich durch die vergangenen Auto-Fototouren in den Dolomiten und in Osteuropa mit meinem Fotofreund Andreas inzwischen schon ein wenig verwöhnt bin, was die Motivvielfalt betrifft. Überhaupt muss ich mich wieder daran gewöhnen, so langsam unterwegs zu sein. Besonders gut in Form bin ich ja nun nicht und der schwere Rucksack bremst mich zusätzlich aus.

Gegen halb 10, als ich wieder an meinem Schlafplatz ankomme, strahlt die Sonne schon kräftig vom blauen Himmel. Zum Frühstück, was wieder einmal aus dem obligatorischen Müsliriegel besteht, lasse ich sie mir wärmend ins Gesicht scheinen. Als Bauchwärmer gibt es heute ein Gemisch aus Cappuccino und Kakao – sehr lecker! Ich bin unglaublich froh, dass mein Kocher so zuverlässig seinen Dienst tut und dank fließendem Wasser, das mir hier eigentlich immer zur Verfügung steht, kann ich auch gut mit meinen Brennstoffvorräten haushalten, da ich keinen Schnee schmelzen muss. Nur an die, durch die Huminstoffe rostbraune Farbe des „Trinkwassers“ muss ich mich etwas gewöhnen. 😉

Heute möchte weiter der Ula hinab folgen und breche mein Zelt so gegen halb 11 ab. Aber entgegen aller Planung komme ich auch heute wieder einmal kaum voran, zu zahlreich sind die Motive am Wegrand. Genau, wie es mir die Norwegerinnen am ersten Tag gesagt haben – dies ist das schönste Teilstück entlang des kleinen Flüsschens. Ständig ergeben sich neue Motive, die mich meinen Rucksack abstellen lassen: kleine Stromschnellen, Eisgebilde in unterschiedlichsten Strukturen und Formen, Gischt und verschneite Ufer…

Als ich dann an einer kleinen Brücke ein wunderschönes Plätzchen finde, beschließe ich, einfach hier zu bleiben, obwohl ich heut kaum nennenswert vorangekommen bin. Sogar einen eigenen „Sessel“ habe ich hier unmittelbar neben dem Zelt – welch ein Luxus! So wird schnell das Lager hergerichtet und dann koche ich mir noch einen heißen Cappuchino, den ich gemütlich in der Sonne sitzend genieße.

Die nächsten Stunden verbringe ich dann wieder fotografierend im Bachtal der Ula. Durch den Sucher der Kamera ergeben sich immer wieder neue faszinierende Einblicke in den Mikrokosmos aus Eiszapfen, Eiswülsten, Gischt, fließendem Wasser und Stein. Mit der Kamera „malen“ kann ich nirgends so gut, wie an einem kleinen naturbelassenen Bächlein. Ich vergesse einfach alles um mich herum beim Spiel mit Licht, Farben und Formen…

Hungrig genieße ich dann abends im Zelt meinen Reistopf, langsam und genießerisch. Ich merke, dass die kappen Essensrationen (ein Müsliriegel oder eine Handvoll Studentenfutter am Morgen, über den Tag ein paar Schokobonbons und abends eine Nudel- oder Reispackung) so langsam echt an die Nerven gehen. Aber ich hätte beim besten Willen nicht mehr in meinen Rucksack hineinbekommen – und schließlich habe ich ja auch nichts gegen ein paar Kilo weniger auf den Hüften.

Die lange Nacht verschlafe ich tief und fest – trotz des lauten Rauschens der Ula unter mir. Noch eine ganze Weile danach, kann ich zuhause von diesem ausgeschlafenen Zustand zehren, denn dort bleibe ich eigentlich fast immer viel zu lange auf und bekomme selten so viel gesunden Schlaf.

Norwegen

~ Solotour im Rondane Nationalpark – Tag 5 ~


Datum:     Freitag, 16.10.2009
Wetter:     -5 °C, wolkig, Sturm



Als ich bei Tagesanbruch mit den ersten rosaroten Sonnenstrahlen aus dem Zelt schlüpfe, hat der Sturm etwas nachgelassen, aber er bläst mich noch immer fast von den Beinen. Es ist wieder kälter geworden und der See um mein Zelt herum ist zu blankem Eis gefroren. Der Himmel zeigt sich, bis auf einige Wolken inzwischen wieder fast blau.

Ich schicke gegen 7 Uhr eine SMS an meinen Vater zuhause und frage ihn nach der Wetterprognose. Kurze Zeit später bekomme ich die Nachricht, dass es wieder kälter werden soll, bei mäßigem Wind und kaum Niederschlag. Nach dem Schrecken der letzen Nacht, überlege ich nun hin und her, was ich nun machen soll. Eigentlich wollte ich noch weiter ins Gebirge hinein, zumindest bis zum Rondvatnet. Aber da dies meine erste Solotour ist und ich außerdem, falls mir etwas passiert, so verlassen wie das Gebirge im Moment ist, kaum mit schneller Hilfe rechnen kann traue ich mich, trotz der voraussichtlichen Wetterbesserung, nicht weiterzugehen. Letztlich bleibt das Wetter im Gebirge doch immer ein wenig unvorhersehbar. Schon eine kaum nennenswerte Menge an Neuschnee, würde mich beim Vorankommen enorm behindern. Und nicht zuletzt habe ich meinen Kindern versprochen, heile wieder zuhause anzukommen.

Hier bleiben kann ich allerdings auch nicht, zu offen ist das Fjell hier und zu sehr stürmt es noch. Ich werde also mein Zelt abschlagen und mir wieder einen geschützteren Platz suchen. Zunächst jedoch mache ich noch ein paar schöne Fotos von den Bergen um mich herum mit ihren sturmzerfetzten Wolkenmützen. Winzig und schutzlos ausgeliefert steht mein kleines Zelt tapfer und trotzt tapfer den Elementen.

Als ich zum Packen wieder ins Zelt möchte, traue ich mir kaum, den Reißverschluss zu öffnen, so sehr zerrt der Wind an dem dünnen Stoff. Im schützenden Inneren gibt es nur einem Müsliriegel gegen den knurrenden Magen – Kaffekochen fällt heute aus. Dann packe ich umständlich im engen Zeltinneren alles zusammen, was möglich ist und frage mich, ob dies wirklich eine so gute Idee ist, bei dem Sturm mein Zelt abzubauen. Was, wenn es mir dabei zerreißt, oder gar davonfliegt? Andererseits weiß ich auch nicht, ob es dem Sturm so ungeschützt in voller Breitseite hier noch lange standhält. Und noch so eine Nacht voller Angst überstehe ich auch nicht. Letztlich geht doch alles gut und das Zelt verschwindet heil im Rucksack. So wunderschön dieser Ort hier auch ist, ich bin froh, als ich wieder in Richtung Mysuseter zurückgehen kann.

Auf der Versorgungsstraße, auf der ich nun zurücklaufe, komme ich allerdings auch nicht schneller voran, als auf dem kleinen Trampelpfad an der Ula gestern, denn die Straße ist total vereist und der Sturm beutelt mich – mit dem Rucksack als zusätzlicher Angriffsfläche – hin und her. Wie betrunken torkele ich also zurück, auch etwas enttäuscht, dass ich so nicht mehr weiter in den Nationalpark vordringen kann… Ein paar schöne Impressionen dieses Sturmtages kann ich entlang des Weges dann auch noch einfangen.

Mein Lager schlage ich zunächst einmal wieder an der geschützten Stelle an der Ula auf, an der ich bereits die erste Nacht campiert habe. Ich schlüpfe in den Schlafsack, um mich wieder aufzuwärmen, lese ein paar Seiten, schreibe Tagebuch und sichte Bilder in der Kamera. Es bleibt den ganzen Tag über stürmisch und das Zelt flattert auch hier noch ziemlich heftig. Ich mag mir kaum ausmalen, wie es jetzt dort oben im Fjell aussieht. Ich gehe heute nicht einmal mehr zum Fotografieren raus, zu kalt ist mir. Die Temperatur liegt zwar nur bei -5 °C, aber durch den Wind werden mindestens gefühlte -15 °C daraus. Beim Rückweg aus dem Fjell habe ich heute trotz langer Unterwäsche, Fleecepulli und Hose, Windstopper-Fleece und GoreTex-Jacke gefroren. Ich verbringe den Nachmittag also mit „Nichtstun“ und koche mir in aller Ruhe mein Abendbrot, bevor ich mich heute recht früh nach der durchwachten letzten Nacht in meine Schlafsäcke kuschele.